Die Sinnfindung der und in der Mediation
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Beitrag: Sinn und Sinnfindung
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Zum Thema » Sinn und Sinngebung bilden das dritte Element der Methode Visionierung von Phase drei. Die Sinngebung rundet den Verstehens- und Vermittlungsprozess ab. Das ist nicht zwingend bei allen Mediationen der Fall, wohl aber bei allen, die der kognitiven Mediationstheorie folgen.1
Begriffliches
Der Begriff „Sinn“ bezeichnet im mediationswissenschaftlichen Kontext die subjektiv und intersubjektiv konstruierte Bedeutungszuschreibung, durch die Konfliktparteien ihr Erleben, ihr Handeln und die Konfliktdynamik kohärent einordnen. Sinn ist dabei weder identisch mit Zweck noch mit Ziel oder Nutzen. Während Zweck auf funktionale Ausrichtung verweist und Ziel eine intendierte Zukunft beschreibt, betrifft Sinn die interpretative Bedeutungsebene des Geschehens.
In der Mediation ist Sinn nicht lediglich ein individuelles Konstrukt, sondern entsteht im kommunikativen Austausch. Er ist narrativ strukturiert, emotional eingebettet und normativ gerahmt. Konflikte sind regelmäßig Ausdruck divergierender Sinnkonstruktionen.
Semantische Abgrenzung
Die Begriffe Sinnfindung, Sinngebung, Sinnhaftigkeit, Sinnzuschreibung und Sinnstiftung sind strikt voneinander zu unterscheiden. Die Differenzierung ist insbesondere dort erforderlich, wo mediationsphilosophische Ansätze davon sprechen, die Mediation sei für die Parteien ein Prozess der Sinnfindung, für Staat und Gesellschaft hingegen sinngebend.2 Ohne eine begriffliche Klärung besteht die Gefahr begrifflicher Unschärfen und theoretischer Verkürzungen.
- Sinnfindung
- Die in der Mediation zur Anwendung kommende Sinnfindung entspricht in weiten Teilen der logotherapeutischen Perspektive von Viktor Frankl. Danach ist Sinn nicht beliebig erzeugbar, sondern in der jeweiligen Situation angelegt und vom Subjekt zu entdecken. Sinn ist dabei weder objektiv im Sinne einer allgemeinen Geltung vorgegeben noch vollständig subjektiv konstruiert, sondern als situationsbezogene Möglichkeit zu verstehen, auf die der Mensch antwortet.
Für die Mediation bedeutet dies: Die Parteien entwickeln in Phase 3 keinen beliebigen Sinn, sondern erschließen einen für sie tragfähigen individuellen und – soweit möglich – gemeinsamen Sinnhorizont. Die mediative Intervention zielt folglich nicht auf Sinnproduktion, sondern auf die Ermöglichung von Sinnentdeckung durch Reflexion, Perspektivwechsel und dialogische Klärung.
- Sinngebung
- Der Begriff Sinngebung ist demgegenüber ambivalent. In einem konstruktivistischen Verständnis bezeichnet er die aktive Hervorbringung von Sinn durch das Subjekt. Ein solches Verständnis wäre mit der logotherapeutischen Position allerdings nur eingeschränkt vereinbar, da es die Entdeckungsdimension des Sinns relativiert.
Wenn im mediationswissenschaftlichen Kontext davon gesprochen wird, dass die Mediation für Staat oder Gesellschaft sinngebend sei, ist damit nicht die willkürliche Konstruktion von Sinn gemeint, sondern die institutionell eröffnete Möglichkeit zur Sinnfindung. Mediation stellt ein Verfahren bereit, das es Individuen erlaubt, konflikthafte Sinnstrukturen zu klären und dadurch in der Summe zu einer Stabilisierung sozialer Sinnordnungen beizutragen. In diesem Sinne kann Sinngebung als aggregierter Effekt individueller Sinnfindungsprozesse verstanden werden, nicht als deren Ersatz.
- Sinnstiftung
- Der Begriff der Sinnstiftung bezeichnet die aktive Mitwirkung an der Herausbildung und Stabilisierung von Sinn im sozialen Kontext. Im Unterschied zur Sinngebung, die begrifflich häufig eine Konstruktion impliziert, und zur Sinnfindung, die auf Entdeckung abzielt, beschreibt Sinnstiftung einen vermittelnden Prozess, in dem Sinn im dialogischen Geschehen bestätigt, verdichtet und anschlussfähig gemacht wird.
In der Mediation erfolgt Sinnstiftung insbesondere dort, wo individuelle Sinnhorizonte in einen gemeinsamen Bedeutungsrahmen überführt werden. Der Mediator „stiftet“ dabei keinen Sinn im Sinne einer inhaltlichen Vorgabe, sondern unterstützt die Parteien dabei, Sinnzusammenhänge so zu entwickeln, dass sie für alle Beteiligten nachvollziehbar, tragfähig und handlungsleitend werden.
Sinnstiftung ist damit weder reine Konstruktion noch bloße Entdeckung, sondern ein prozessuales Geschehen der Sinnverankerung im zwischenmenschlichen Raum. Sie trägt dazu bei, dass gefundener Sinn nicht nur erkannt, sondern auch geteilt und wirksam wird.
- Sinnhaftigkeit
- Mit dem Begriff der Sinnhaftigkeit wird die funktionale und normative Qualität der Mediation selbst bezeichnet. Die Perspektive wird von der inhaltlichen Ebene des Sinns (Was ist sinnvoll?) auf die prozessuale Ebene (Warum ist dieses Verfahren sinnvoll?) verlagert.
Die Sinnhaftigkeit der Mediation liegt darin, dass sie einen strukturierten Kommunikationsrahmen bereitstellt, der die Offenlegung divergierender Sinnzuschreibungen ermöglicht, deren reflexive Bearbeitung unterstützt und die Entwicklung tragfähiger Sinnhorizonte begünstigt.
Die Sinnhaftigkeit der Mediation differenziert sich somit in zweifacher Hinsicht. Einmal individuell – als Ermöglichung von Sinnfindung der Parteien – und zum anderen sozial – als Beitrag zu einer kollektiven Sinnordnung durch die Kumulation individueller Klärungsprozesse. Die Mediation ist in diesem Verständnis sinnermöglichend.
- Sinnzuschreibung
- Die Sinnzuschreibung schließlich bezeichnet den grundlegenden kognitiven und kommunikativen Prozess, durch den Ereignisse, Handlungen und Erfahrungen überhaupt Bedeutung erhalten. Sie ist Gegenstand phänomenologischer, hermeneutischer und systemtheoretischer Betrachtungen und bildet die Voraussetzung sowohl für Sinnfindung als auch für Sinngebung.
In der Mediation wird Sinnzuschreibung sichtbar gemacht, relativiert und transformiert. Sie ermöglicht die Aufdeckung der Kontextgebundenheit und Perspektivität von Bedeutungen sowie die Erschließung alternativer Deutungsangebote. In diesem Sinne fungiert sie als operative Basiskategorie der mediationsspezifischen Sinnarbeit.
-
Theoretische Einordnung
Anders als in dem Beitrag der Mediationsphilosophen, der die Sinnhaftigkeit der Mediation hinterfragt, geht es in dem vorliegenden Kontext um die Sinnfindung als ein methodischer Bestandteil der Visionierung. Ihre theoretische Einordnung kann folgende Persoektiven einnehmen:
- Phänomenologisch-hermeneutische Perspektive
- Aus phänomenologischer Sicht (Husserl, Schütz) ist Sinn das Ergebnis intentionaler Bewusstseinsakte. Konfliktparteien erleben Situationen nicht „an sich“, sondern im Modus der Bedeutungszuschreibung. Mediation wird in dieser Perspektive zu einem Prozess der Sinnklärung und Sinnrekonstruktion. Hermeneutisch betrachtet (Gadamer) vollzieht sich Sinnverstehen dialogisch. In der Mediation bedeutet dies: Verstehen entsteht nicht durch Informationsaustausch, sondern durch interpretatives Aushandeln. Die mediative Gesprächsführung schafft einen Raum, in dem divergierende Sinnhorizonte sichtbar und bearbeitbar werden.
- Systemtheoretische Perspektive
- In der Systemtheorie (Luhmann) ist Sinn ein Strukturprinzip sozialer Systeme. Kommunikation operiert durch selektive Sinnzuschreibungen. Konflikte entstehen, wenn unterschiedliche Sinnselektionen aufeinandertreffen und wechselseitig irritieren. Mediation kann hier als Sinnreorganisationsprozess verstanden werden. Sie ermöglicht neue Anschlussmöglichkeiten, indem sie alternative Bedeutungsangebote erzeugt und kommunikativ stabilisiert.
- Konstruktivistische Perspektive
- Radikalkonstruktivistisch (von Glasersfeld) ist Sinn keine objektive Eigenschaft, sondern Ergebnis kognitiver Konstruktion. In der Mediation ist daher nicht entscheidend, „was wirklich war“, sondern wie Ereignisse konstruiert und bewertet werden. Die mediative Intervention zielt folglich nicht auf Wahrheitsklärung, sondern auf die Erweiterung von Deutungsoptionen.
- Konflikttheoretische Perspektive
- Konflikte lassen sich als Kollision konkurrierender Sinnordnungen beschreiben. Interessen, Bedürfnisse und Positionen sind Ausdruck zugrundeliegender Sinnzuschreibungen. Die Bearbeitung eines Konflikts erfordert daher häufig eine Bearbeitung der Sinnstruktur.
Systematische Abgrenzung
| Begriff | Abgrenzung zu Sinn |
|---|---|
| Ziel | Zukunftsbezogene Soll-Vorstellung |
| Zweck | Funktionale Ausrichtung eines Handelns |
| Bedeutung | Einzelne semantische Zuschreibung |
| Nutzen | Bewertete Vorteilhaftigkeit |
| Wert | Normative Orientierung |
Sinn ist übergeordnet: Er integriert Ziele, Werte und Bedeutungen zu einer kohärenten Deutung.
- Methodische und praktische Relevanz
- Die Sinnarbeit nimmt in der Mediation eine zentrale Rolle ein und entfaltet ihre Wirkung auf mehreren Ebenen. Sie beginnt mit der narrativen Rekonstruktion, in der die Konfliktgeschichte herausgearbeitet und in ihrer subjektiven Bedeutung nachvollziehbar gemacht wird. Daran anschließend ermöglicht das Reframing die Transformation belastender Sinnzuschreibungen, indem eingefahrene Deutungsmuster hinterfragt und neu gerahmt werden. Ein Perspektivwechsel erweitert die Interpretationsmöglichkeiten und eröffnet den Parteien alternative Sichtweisen auf das Konfliktgeschehen. Schließlich mündet dieser Prozess in eine gemeinsame Sinnstiftung, bei der ein tragfähiges Zukunftsnarrativ entwickelt wird, das von allen Beteiligten mitgetragen werden kann.
Ohne eine solche Sinnklärung bleiben Lösungen häufig oberflächlich, da sie nicht an die subjektiven Bedeutungsstrukturen der Parteien anschließen und somit weder nachhaltig noch stabil sind.
- Interdisziplinäre Bezüge
- Der Sinnbegriff verbindet die Mediation mit verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. In der Psychologie, insbesondere in der Motivations- und Emotionsforschung, wird Sinn als zentrale Kategorie für Handlungssteuerung und Erleben verstanden. Die Soziologie begreift Sinn als Strukturprinzip sozialer Ordnung und als Grundlage sozialer Kommunikation. In der Philosophie, vor allem im Existenzialismus und in der Hermeneutik, steht die Frage nach der Bedeutung menschlichen Handelns und Verstehens im Zentrum. Die Kommunikationswissenschaft untersucht die Konstitution von Bedeutung im Diskurs, während die Organisationswissenschaft mit Konzepten wie „Purpose“ oder „Shared Meaning“ die Bedeutung gemeinsamer Sinnhorizonte für kollektives Handeln hervorhebt.
- Kritische Einordnung
- Die starke Betonung von Sinn birgt jedoch auch Risiken. Zum einen besteht die Gefahr einer Psychologisierung, bei der strukturelle oder materielle Konfliktursachen zugunsten subjektiver Bedeutungsdimensionen vernachlässigt werden. Zum anderen kann ein Relativismusproblem entstehen, wenn alle Sinnkonstruktionen als gleichwertig angesehen werden und dadurch normative Orientierung verloren geht. Eine mediationswissenschaftlich reflektierte Sinnarbeit muss daher eine Balance finden zwischen der Anerkennung subjektiver Bedeutungen und einer angemessenen normativen Rahmung.
- Zusammenfassende Einordnung
- Im mediationswissenschaftlichen Verständnis ist „Sinn“ keine Randkategorie, sondern eine grundlegende Strukturgröße. Mediation kann als ein Verfahren beschrieben werden, das divergierende Sinnkonstruktionen transparent macht, dialogisch überprüfbar gestaltet und – soweit möglich – in eine kooperative Bedeutungsordnung überführt.
Sinn ist dabei epistemisch relevant, da er bestimmt, wie Wirklichkeit verstanden wird. Er ist relational verankert, weil Bedeutung im Austausch zwischen den Beteiligten entsteht und geteilt wird. Zugleich ist Sinn prozessual dynamisch, da sich Deutungen im Verlauf der Mediation verändern können. Darüber hinaus ist er konfliktkonstitutiv, weil unterschiedliche Sinnzuschreibungen häufig die Ursache von Konflikten darstellen. Schließlich ist Sinn lösungsrelevant, da nur solche Lösungen tragfähig sind, die an die Bedeutungsstrukturen der Parteien anschließen und von ihnen als sinnvoll erlebt werden.
Methodische Aufarbeitung
Die Sinnarbeit ist Bestandteil der Visionierung, mit deren Hilfe die Parteien eine gemeinsame, tragfähige Zukunftsvorstellung entwickeln. Diese Vision bildet die konzeptionelle Grundlage der späteren Lösung. Sie wird bewusst in einem von bestehenden Problemzwängen gelösten Denkraum („problembefreite Welt“) entwickelt und ist insofern als visionär zu verstehen. Die anschließende Lösung soll diese Vision konkretisieren, indem sie die zuvor erarbeiteten Nutzenkriterien umsetzt. Während die Nutzenklärung die funktionale Zweckmäßigkeit beschreibt (Wozu dient die Lösung?), erschließt die Sinnarbeit deren subjektive und intersubjektive Bedeutung (Was bedeutet die Lösung für die Parteien?).
Die Sinnfrage ergänzt somit die Nutzenperspektive um eine Bedeutungsebene und ermöglicht es den Parteien, die Wertigkeit und Stimmigkeit der Lösung zu erkennen und zu bewerten. Die Manifestation des Sinns erfolgt dabei nicht punktuell, sondern in einem sequenziellen Prozess, der sich in folgenden Schritten vollzieht:
Methodische Sequenz-Tabelle
| Prozessschritt | Leitfrage | Technik | Ziel der Intervention | Beispielhafte Intervention |
|---|---|---|---|---|
| Nutzenklärung | Wozu brauchst du das? | Doppelte Wozu-Frage | Herausarbeitung des funktionalen Nutzens und der dahinterliegenden Motive | "Wozu ist dir das wichtig?" / "Was ermöglicht dir das konkret?" |
| Sinnerschließung | Was bedeutet das für dich? | Sinnspiegelung | Explizierung der subjektiven Bedeutung (Übergang von Nutzen zu Sinn) | "Wenn ich dich richtig verstehe, bedeutet das für dich …?" |
| Sinnexploration | Welche Bedeutungsmöglichkeiten gibt es noch? | Sinnoptionen, Wertelisten | Erweiterung des Deutungsspielraums und Aktivierung latenter Sinnpotenziale | "Geht es eher um Sicherheit, Anerkennung oder etwas anderes?" |
| Sinnabgleich | Was ist euer gemeinsamer Sinn? | Gemeinsame Sinnkonstruktion | Herstellung eines kompatiblen oder geteilten Sinnhorizonts | "Wo überschneiden sich eure Bedeutungen?" |
| Sinnverankerung | Ist die Lösung für euch stimmig? | Sinnverankerung | Integration des Sinns in die Lösung zur Sicherung der Nachhaltigkeit | "Spiegelt diese Lösung wider, was euch wirklich wichtig ist?" |
Bedeutung für die Mediation
Ähnlich wie die Ausbildungsverordnung zwischen dem Recht der und dem Recht in der Mediation differenziert, lohnt sich die adäquate Unterscheidung zwischen dem Sinn der Mediation und dem Sinn in der Mediation. Die Mediationsphilosophen haben in dem Podcast über den Sinn der Mediation entdeckt, dass die Mediation bei den Parteien zur Sinnfindung beiträgt, bei Staat und Gesellschaft zur Sinngebung und beim Mediator zur Auseinandersetzung mit der Sinnfrage.
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