Ein mediatives Statement zur Wahl
Viele Bürger erleben Wahlen heute nur noch als Alibi für Stimmenfang, nicht mehr als Ausdruck demokratischer Legitimation. Manche gehen gar nicht mehr zur Wahl, andere stimmen lediglich ab, um ein größeres Übel zu verhindern. Sie wählen gegen etwas, nicht für etwas – ohne dass ihre eigentliche Entscheidung auf dem Wahlzettel zum Ausdruck kommt. Einige geben ihre Stimme etablierten Parteien, um radikale Kräfte zu verhindern. Andere wählen radikale Parteien, um die etablierten zu erschüttern. Unausgesprochen einig sind sich alle nur in einem Punkt:
Etwas muss sich ändern.
Den Wandel gestalten
Die Gesellschaft ändert sich bereits. Das ist nicht die Frage.
Die Frage ist, ob und wie wir diesen Wandel gestalten.
In einer Demokratie sind Wahlen eine nahe liegende Antwort. Aber was können sie bewirken?
Wir müssen uns der unbequemen Frage stellen, ob Wahlen in ihrer gegenwärtigen Form noch ein geeignetes Instrument sind, um konstruktiven Wandel hervorzubringen – insbesondere dann, wenn grundlegende systemische Veränderungen erforderlich sind, etwa im Wahlrecht selbst. Zugleich sind Wahlen Ausdruck und Bekenntnis zur Demokratie. In dieser Spannung kann die Teilnahme an einer Wahl zur Gewissensfrage werden.
Politische Systeme verlieren an Stabilität, wenn der gesellschaftliche Konsens, auf dem sie beruhen, erodiert. Wirtschaftliche Ordnungen geraten unter Druck, sobald ihre Legitimation infrage steht. Gegenwärtig scheint beides zugleich zu geschehen, begleitet von einem spürbaren Vertrauensverlust. Dies ist kein vorübergehender Ausnahmezustand, sondern bereits Teil eines tiefgreifenden Wandels.1
Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, ob sich unsere Gesellschaft verändert, sondern in welche Richtung sich dieser Wandel vollzieht – und ob er bewusst gestaltet wird oder jenen überlassen bleibt, die lautstark und polemisch die Bewusstheit dominieren.
Fest steht: Alte Gewissheiten tragen nicht mehr, neue haben sich noch nicht etabliert.
In solchen Phasen wächst die Versuchung, Veränderungen zu erzwingen, um eigene Interessen durchzusetzen. Die Zerstörung ist das Mittel der Wahl. Sie ist allerdings das Gegenteil von Gestaltung. Besonders wenn sie aus Emotionen gespeist wird, verdrängt sie die Komplexität der Wirklichkeit. Sie verlagert Verantwortung nach außen und reproduziert am Ende oft genau das, was sie überwinden wollte. Politische Systeme scheitern nicht an Konflikten. Sie scheitern aus sich selbst heraus, wenn eine kritische Selbstreflexion und eine zielführende Kommunikation nicht mehr möglich sind.2
Gesellschaft verändert sich mit dem Denken – und mit dem Denken verändert sich auch die Möglichkeit des politischen Friedens. Das ist kein Idealismus, sondern Ausdruck von Vernunft. Wer Frieden will, muss sich für die Vernunft entscheiden. Aus diesem Gedanken lässt sich ein Kriterium für politische Entscheidungen ableiten.
Wo aber finden wir Vernunft in der aktuellen politischen Landschaft?
Man muss nach ihr suchen. Aber sicher finden wir sie dort, wo Propaganda nicht verfängt3 und wo sich feindliches Denken erübrigt. Wo Emotionen hinterfragt werden und keine Oberhand gewinnen und wo politische Gegner nicht zu Terroristen degradiert werden müssen, nur um der Auseinandersetzung zu entgehen.4 Wir finden sie dort, wo Konflikte nicht sofort als Krieg inszeniert werden können und wo das politische Denken nicht in einem Nullsummenspiel verhaftet wird, das Großherzigkeit und Verständnis ausschließt. Jetzt bekommt groß eine andere Bedeutung.
Aus dieser Perspektive ergibt sich eine politische Haltung, die leiser ist als Parolen, aber konsequenter als Empörung.
Sie bedingt meine Einstellung zur Wahl:
Damit will nicht gesagt sein, dass Konflikte verschwinden sollen – wohl aber, dass sie nur unter dieser Voraussetzung lösbar sind.5
Das lernen wir von der Mediation.
Die Illusion der Zerstörung
Von der Mediation wissen wir auch, dass Auseinandersetzungen, die vermieden oder unterdrückt werden, nicht verschwinden. Sie verschieben sich und eskalieren. Sie führen zur Polarisierung. Polarisierung wiederum bildet die Vorstufe von politischen Spannungen, aus denen leicht eine Radikalisierung erwächst. Wer nicht hören will, muss fühlen. Das Denken verengt sich auf ein Entweder-Oder. Und von dort auf eine absolute Einseitigkeit.
Aus dem politischen Wettbewerb wird ein „Du nicht“. Es ist eine komfortable Sicht. Sie erleichtert den Wahlkampf, weil sie den Diskurs ersetzt. Es genügt, die Fehler des Gegners und seine Unfähigkeit herauszustellen, um von den eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken. Das aus dem Harvard-Konzept ableitbare Grundprinzip – Mensch und Problem zu trennen, das jeder professionellen Verhandlung zugrunde liegen sollte – wird dabei ignoriert.6 Mit jeder weiteren Zuspitzung verengen sich die denkbaren Optionen, bis schließlich die Vernichtung des Gegners als scheinbar konsequente Lösung erscheint.
Doch die Geschichte zeigt ein anderes Muster. Revolutionen bringen nicht selten Systeme hervor, die härter und autoritärer sind als jene, die sie überwinden wollten. Nicht, weil ihre Ziele falsch gewesen wären – sondern weil sie die Werkzeuge der Zerstörung übernehmen. Der Wunsch nach Veränderung ist legitim. Das Problem ist die Wahl der Mittel.
Ein alter Satz aus dem Koran bringt diese systemische Einsicht auf den Punkt:
Man kann diesen Satz religiös lesen – oder systemisch: Wer den Anderen vernichtet, zerstört immer auch das Gefüge, das er selbst zum Leben braucht. Dasselbe gilt politisch. Wer laut schreit oder geschickt täuscht, verändert kein System – er verändert lediglich die Parolen und die Nutznießer.
Das Wahlparadox
Bürger, die etablierte Parteien wählen, um radikale Kräfte zu verhindern, ebenso wie Wähler, die radikale Parteien unterstützen, um das bestehende System zu erschüttern, folgen häufig derselben Logik. Es ist die Logik der Verhinderung innerhalb eines Nullsummenspiels. Das Wahlergebnis kann dadurch einen trügerischen Eindruck erzeugen, wenn sich die Gewählten bestätigt fühlen, obwohl die abgegebene Stimme weniger ihnen galt als vielmehr dem Ziel, andere zu verhindern.
Auch die Nichtteilnahme an Wahlen bedarf in diesem Zusammenhang einer differenzierten Betrachtung. Nichtwählen ist nicht zwangsläufig Ausdruck politischen Desinteresses. Es kann ebenso als Form der politischen Botschaft verstanden werden – als Enthaltung gegenüber einem als unzureichend empfundenen Angebot.
Wenn eine Wahl kein demokratisches Bekenntnis ermöglicht, ohne zugleich eine unerwünschte Option zu unterstützen, gerät das politische System in eine strukturelle Spannung. Es erschwert die notwendige Erneuerung und verstärkt damit die politische Entfremdung. Denkbar wären durchaus Verfahren, die eine differenziertere Artikulation des Wählerwillens erlauben – etwa durch Methoden wie das systemische Konsensieren, das den Grad der Ablehnung messbar macht.7 Ebenso ließe sich das Wahlsystem durch ergänzende Befragungsformate erweitern, die politische Präferenzen präziser sichtbar machen.
Im Ergebnis zeigt sich das Wahlparadox darin, dass eine Wahl zwischen Pest und Cholera keine echte Wahl darstellt. Zugleich wird deutlich, dass nicht allein Programme oder Versprechen entscheidend sind, sondern die zugrunde liegenden politischen Haltungen. Genau an diesem Punkt setzt auch die Logik der Mediation an, die versucht, hinter Positionen die eigentlichen Interessen und Motive sichtbar zu machen.
Die mediative Perspektive
Aus der Sicht der Mediation stellt sich die Frage nach der Wahl etwas anders dar.
Weil das Denken an Lösungen zurückgestellt wird, geht es nicht darum, welche Partei stark genug ist, um Gegner zu besiegen und was ihre politischen Versprechungen sind. Entscheidend wird vielmehr die Frage, wem Vertrauen entgegengebracht werden kann – und wer in der Lage ist, Veränderungen zu bewirken, ohne die gesellschaftliche Spaltung weiter zu vertiefen. Im Mittelpunkt steht daher nicht Stärke, sondern Kompetenz; nicht Durchsetzungsfähigkeit, sondern Urteilskraft und Besonnenheit, Transparanz und Authentizität. Die zentrale Frage lautet:
Welche politische Kraft ist in der Lage, Kommunikation aufrechtzuerhalten?
Welche Partei oder welcher Politiker ist bereit, sich hinterfragen zu lassen, Kritik ernst zu nehmen und eigene Positionen zu reflektieren – nicht nur rhetorisch, sondern auch im politischen Handeln? Gesellschaften werden nicht von der lautesten Stimme getragen. Ihre Stabilität beruht vielmehr auf der Fähigkeit, Verständigung zu ermöglichen und Konflikte konstruktiv zu bearbeiten. Vor diesem Hintergrund ist die Wahlentscheidung weniger eine moralische als eine funktionale Frage: Sie richtet sich danach, welche politischen Akteure zur Aufrechterhaltung von Dialog und Kooperation beitragen können.
Verbindung statt Feindbild
Wir leben in einer Zeit zunehmender Polarisierung. Dabei verschieben sich nicht nur politische Lager, sondern auch die Bedeutungen vieler grundlegender Begriffe.
- Was ist ein Freund, wenn er zum „Follower“ wird?
- Was ist Familie, wenn sie auf die Befriedigung emotionaler Bedürfnisse reduziert wird?
- Was ist eine Partei, wenn Posten wichtiger erscheinen als Inhalte?
- Was ist Politik, wenn Machtmissbrauch und Korruption ihre Maßstäbe bestimmen?
- Was bedeutet Völkerrecht, wenn fragwürdige Begründungen genügen, um einen Krieg zu legitimieren?
Solange solche Fragen unbeantwortet bleiben, entfaltet sich die Logik der Zuspitzung. Politik, Medien und soziale Netzwerke leben von Aufmerksamkeit – und Aufmerksamkeit entsteht häufig leichter durch Konflikt als durch Verständigung. Identität entsteht dann nicht mehr aus sich selbst heraus, sondern durch Abgrenzung. Zugehörigkeit definiert sich über Gegner, Loyalität über Feindbilder.
Feindbilder sind attraktiv, weil sie eine komplexe Wirklichkeit vereinfachen. Sie verwandeln Unsicherheit in scheinbare Gewissheit und Ambivalenz in klare Frontlinien. Gerade darin liegt jedoch ihre Gefahr: Sie lösen keine Probleme – sie verstärken oder erzeugen sie.
Die Mediation kennt dieses Muster. Sie setzt dort an, wo Konflikte bereits als unauflösbar erscheinen. Ihr Denken folgt einer anderen Logik. Sie fragt nicht zuerst nach Schuld, sondern nach Bedeutung. Sie sucht nicht nach Gegnern, sondern nach Interessen, um die Anliegen sichtbar zu machen, die hinter gegensätzlichen Positionen stehen. Sie richtet den Blick auf mögliche gemeinsame Perspektiven, die stark genug sind, um Gegensätze in Verständigung zu überführen. Die Mediation ist ein Weg. Übertragen auf die Politik führt dieser Ansatz zu einer einfachen, aber grundlegenden Frage:
Wer kann einen solchen Weg anbieten?
Und woran liegt es, wenn dieser Weg weder angeboten, noch beschritten wird? Liegt das Problem in den Parteien selbst – oder in einem politischen Denken, das Konflikte vor allem als Machtkampf versteht? Eine gedankliche Perspektivverschiebung macht die Tragweite dieser Frage sichtbar:
Was wäre anders, wenn politische Gegner nicht als Feinde betrachtet würden?
Viele der größten Probleme der Welt – Armut, Ressourcenknappheit oder militärische Konflikte – entstehen nicht allein aus ihrer objektiven Schwierigkeit, sondern aus Logiken der Konkurrenz und der Gegnerschaft. Wenn dies zutrifft, verändert sich auch der Blick auf politische Entscheidungen. Dann verdichtet sich die Frage nach der richtigen Wahl zu der Frage, welche politischen Kräfte Verständigung ermöglichen können.
Verbindung als politisches Kriterium
„Ich wähle nur, was verbindet“ ist kein abstrakter Leitsatz, sondern ein konkretes politisches Kriterium. Es lenkt den Blick darauf, ob die Haltung einer Person oder einer Institution Räume für Gespräch und Verständigung eröffnet, ob sie Menschen einbezieht oder ausgrenzt, ob politische Programme Brücken bauen oder gesellschaftliche Gräben vertiefen. Ebenso entscheidend ist, ob die politische Sprache Verständigung ermöglicht oder sie von vornherein erschwert.
Im Kern geht es darum, ob eine politische Vision Vielfalt aushalten kann oder ob sie auf Feindbilder angewiesen ist, um sich selbst zu stabilisieren. Verbindend wirkt dabei nicht, wer Konflikte vermeidet. Verbindend ist vielmehr, wer Konflikte austrägt, ohne dem politischen Gegenüber den Status als gleichberechtigtes Subjekt abzusprechen, was ihn zum Terroristen macht.8
Verbindung ist Widerstand
In einer politischen Kultur, die von Zuspitzung und Polarisierung lebt, wirkt Verbindung beinahe subversiv. Wer verbindet, entzieht sich der einfachen Logik des Gegeneinanders. Er hält Widerspruch aus, ohne den anderen abzuwerten, und akzeptiert Konflikt, ohne dessen Eskalation bis zur Zerstörung zuzulassen.
Eine solche Haltung verspricht keine schnellen Siege und eignet sich kaum für Schlagzeilen. Sie schafft jedoch etwas, das Gesellschaften dringend benötigen: die Fähigkeit zur Selbstkorrektur, ohne dabei ihre innere Stabilität zu verlieren. Verbindung trägt dazu bei, dass Konflikte nicht in Selbstzerstörung umschlagen. Vielleicht ist das keine große Revolution. Vielleicht ist es nur ein leiser, aber konsequenter Schritt.
Also: Was wähle ich jetzt?
Die Suche richtet sich nach politischen Akteuren – Parteien ebenso wie einzelnen Politikern –, die eine mediative Haltung erkennen lassen: die das Völkerrecht und die Verfassung achten, die Konsensbildung nicht nur versprechen, sondern ermöglichen wollen, die gesellschaftliche Spaltungen nicht vertiefen, sondern überwinden helfen und sich der Verantwortung ihres Handelns bewusst sind. Wenn alle danach suchen und ihre Erwartungen entsprechend artikulieren, entsteht eine Form des Widerstands, die nicht auf Zerstörung zielt, sondern auf konstruktiven Wandel.
Arthur Trossen
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