Auslöser war durchaus nur ein Gefühl und eine Beobachtung in eigener Sache. Jedoch deuteten Gespräche mit Kollegen darauf hin, dass es sich um ein generelles Phänomen handeln könnte. Der Eindruck war, dass Ausbildungsinstitute Probleme haben, ihre Mediationskurse zu füllen. Es war ja mal davon die Rede, dass die Mediation ein Ausbildungsmarkt sei. Hat sich daran etwas geändert? Ist der Markt endlich bei einem Mediationsmarkt angekommen, bei dem die Anwendung die Ausbildung überholt? Wie hat sich die Nachfrage im Laufe der Zeit und insbesondere seit dem Inkrafttreten des Mediationsgesetzes am 26.7.2012 entwickelt?1 Wird ein Trend erkennbar? Es gibt Anzeichen, aber keine Belege.
Wo steht eigentlich die Mediation?
Die Frage einer Markteinschätzung drängt sich auf. Steigt die Nachfrage - und wenn wonach - oder eher nicht. Es gibt keine Statistik. Vereinzelt gibt es zwar statistische Auswertungen. Sie werden in dem Beitrag Statistik zusammengestellt und gegebenenfalls bei den Forschungsbeiträgen besprochen. Aber selbst der Versuch, die Zahlen zusammenzuschreiben, ergibt sich kein vollständiges Bild.
Die Reaktion in kollegialen Gesprächen unterstreicht den Eindruck. Sie ist durchaus wechselhaft und fällt sogar widersprüchlich aus. Die einen sagen, die Nachfrage gehe zurück, die anderen meinen, sie sei durchaus ansteigend. Weil die Frage eine Rolle bei der persönlichen Entscheidung spielt, ob und wie mit der Mediation umzugehen ist, soll eine Recherche versucht werden.
Ausbildungsmarkt
Eine wirklich belastbare und umfassende Datenlage zur Entwicklung des Ausbildungsmarktes für Mediation ist in Deutschland nicht vorhanden. Sie ist auch kaum möglich. Informationen sind lückenhaft, uneinheitlich oder veraltet. Viele Institute sind privat oder regional, manche haben kein stark sichtbares Onlineprofil, so dass sie in Listen nicht erfasst sind. „Anerkannte Institute“ bedeutet nicht automatisch, dass alle Institute, die eine Ausbildung anbieten, diese Anerkennung haben. Manche Institute bieten nur Spezialkurse oder kurzzeitige Seminare an und werden nicht in ernsthaften Listen geführt.
Die Untersuchung der Stiftung Warentest im Jahre 2012 ging von 298 Ausbildungsanbietern und einer Dunkelziffer aus, wobei nur 145 als qualifiziert angesehen wurden.2 Angesichts der öffentlich verfügbaren Informationen kann die Zahl der aktiven Ausbildungsinstitute für Mediation in Deutschland auf eine Zahl zwischen 120 und 180 geschätzt werden. Wenn man sehr kleine Anbieter (z. B. Wochenendseminare, Anbieter ohne Zertifizierungsstandard) mitrechnet, könnte die Zahl höher sein als 200. Wenn man streng auf Institute schaut, die zertifizierte Mediationsausbildungen nach den Standards der Ausbildungsverordnung oder gar der darüber hinausgehenden Verbandsrichtlinien anbieten, liegt die Zahl vermutlich eher um die 100 bis 130. Das wäre ein Rückgang gegenüber der Untersuchung der Stiftung Warentest. In der Begründung zur 2. Änderung der AusbildungsVO wird von 100 Ausbildungseinrichtungen ausgegangen und davon, dass 1000 Mediatoren / Jahr ausgebildet werden.3 Offenbar wird auch davon ausgegangen, dass die Kurse mit 10 auszubildenden Teilnehmern besetzt sind.
Um der Frage nachzugehen, ob eine Marktsättigung eingetreten ist, soll die Zahl der Mediatoren näher beleuchtet werden. Auch hier gibt es keine verlässlichen Zahlen. Möglich ist eine Schätzung der ausgebildeten Mediatoren. Wenn Sie davon ausgehen, dass 130 Ausbildungsinstitute im Jahr etwa 15 Mediatoren ausbilden, ergibt sich eine Marktdeckung von aufgerundet 30.000 Mediatoren, wenn davon ausgegangen wird, dass es seit ca 15 Jahren Ausbildungen gibt. Die offizielle Schätzung des von der Bundesregierung zitierten statistischen Bundesamtes ging 2012 von 7500 Mediatoren aus und davon, dass jährlich 1000 Mediatoren hinzukämen. Demnach hätten wir heute ca. 20.500 Mediatoren.4 Selbst die Schätzungen, die von mehr als 80.000 ausgebildeten Mediatoren ausgehen, belegen, dass der Markt noch nicht gedeckt ist. Das gilt umso mehr, wenn auf den Bedarf nach Mediation abgestellt wird.
Auch wenn der Eindruck entstehen mag, als würde das Internet mit Ausbildungsangeboten überflutet, ist er nicht sehr aussagekräftig. Verlässlicher sind die Angaben über Kurse, die auch tatsächlich stattgefunden haben. Aufschlussreich ist deshalb weniger die Zahl der Internetangebote als ihre Ausgestaltung. Sie belegen einen diffundierenden Markt. Auffällig ist, dass sich die Ausbildungsangebote zunehmend auf Spezialisierungen und auf die regionale Verfügbarkeit einlassen. Auch werden die Ausbildungsformate angepasst. Hybride Formate werden zum Standard. Man könnte daraus schließen, dass sich die Ausbildungen dem Bedarf annähern. Andererseits gibt es auch Angebote, die sich über alle Qualitätsstandards hinwegsetzen und reine Online-Ausbildungen anbieten. Sie verstoßen gegen die Ausbildungsverordnung zum zertifizierten Mediator. Sie können auch die für §5 Abs. 1 Mediationsgesetz geforderte Sachkunde nur eingeschränkt vermitteln. Das gleiche Qualitätsdefizit wird für Rollenspiele in Kauf genommen, die innerhalb des Ausbildungslehrganges stattfinden und als Supervision i.S.d. §2 Abs. 5 ZMediatAusbV ausgewiesen werden.5 Ein derartiges Verhalten erinnert an einen Kampf um Nachfrage. Was also wie eine Angebotserweiterung aussieht, könnte mit einem zunehmend enger werdenden Markt begründet werden, wo sich die Angebote selbst mit dem Risiko der Unseriosität auf die schwindende Nachfrage einstellen.
Zu beobachten ist auch, dass die reine "Mediationsausbildung" im engeren Sinne zunehmend von umfassenderen "Konfliktmanagement-" oder "Dispute Resolution"-Programmen absorbiert wird. Der Begriff "Mediation" verschwindet nicht, aber er verliert seine alleinige Dominanz im Titel und wird oft zu einer wichtigen Kernkompetenz innerhalb eines größeren Spektrums an Konfliktlösungsmethoden. Die Ausbildung ist nicht mehr alleine eine Ausbildung in "Mediation", aber in "Mediation und Konfliktmanagement" oder "Mediation für Betriebsräte" usw.. Dies spiegelt die inhaltliche Weiterentwicklung des Feldes wider, die wachsende Spezialisierung und den Versuch der Anbieter, sich an die Bedürfnisse eines breiteren Marktes anzupassen.
Fest steht, dass sowohl die Nachfrage nach einer Mediationsausbildung wie auch die Nachfrage nach der Mediation selbst durch das Produkt veranlasst sein sollten. Das ist im Bereich der Mediation (noch) lange nicht der Fall. Forschungen belegen, dass die Mediation trotz ihrer Effizienz nicht entsprechend nachgefragt wird. Die als EU-Paradoxon beschriebene Diskrepanz hat dazu geführt, dass die EU ihr Ziel eines „ausgewogenen Verhältnisses zwischen Mediation und gerichtlichen Verfahren“ (Art. 1 der Richtlinie) deutlich verfehlt hat und die Nutzung in Zivil-/Handelssachen unter 1 % liegt.6 Es gibt allerdings durchaus eine Zunahme von Schlichtungen und außergerichtlichen Konfliktlösungen und einen Rückgang von Gerichtsverfahren. Ob die dadurch entstehende Lücke mit der Nachfrage nach Mediation korreliert, erscheint zweifelhaft. Viele Studenten der Mediation haben Probleme, die fünf zu supervidierenden Praxisfälle zu akquirieren, was sich auf die Zahl der zertifizierten Mediatoren auswirken dürfte.
Der Bedarf nach Mediation
Obwohl die Mediation in vielen Fällen der letzte Ausweg in eine friedliche Lösung sein kann, wird ihre Nachfrage durch den Ton, die Art des Streitens und die Gewaltbereitschaft beschränkt, die im Moment überall wahrzunehmen ist. Wer kommt schon auf die Idee, eine Mediation nachzufragen, wenn er meint, angreifen oder sich verteidigen zu müssen. Wer weiß schon, dass die Mediation auch zur Verteidigung in der Lage ist?
Das EU-Mediationsparadoxon beschreibt das Phänomen, ohne auf den Bedarf einzugehen.7 Möglicherweise ist der unerkannte Bedarf für die Unterstützung der Mediation und ihre Fähigkeit zur Bedarfsdeckung der Grund, warum das Paradoxon bis heute nicht aufgelöst werden konnte. Tatsächlich sollte die Inanspruchnahme der Mediation nicht nur wegen ihrer Effizienz im Kostenvergleich mit anderen Verfahren erfolgen, sondern wegen ihrer Kompetenz zum Umdenken, zur Beseitigung von Lösungshindernissen und zur Entwicklung von Visionen, aus denen sich Lösungen bilden lassen. Die Fähigkeit zum dreigliedrigen Erkenntnisprozess, der zu einem Umdenken führt, ist wenig bekannt. Er wird mit der kognitiven Mediationstheorie beschrieben, auf die allerdings nicht alle Mediationsvarianten zurückzuführen sind.
Wir leben in einer Zeit mit zunehmenden Spannungen, zunehmender Unnachgiebigkeit, abnehmender Vernunft und irritierender Wahrheit, wo Lügen als alternative Fakten salonfähig geschimpft werden und wo die Propaganda Realitäten ersetzt. Es dürfte selbst bei den Kriegstreibern Einigkeit bestehen, dass die Konfrontation ein Ende finden muss, wenn sie nicht die höchste Stufe erreichen soll, die eine vollständige Vernichtung aller Parteien vorsieht.
Überlegungen wie diese Eskalation zu vermeiden oder gar abzuwenden ist, führen einzig und allein in die Mediation, zumindest in die Fähigkeiten, die mit der Mediationstheorie eingeführt wurden. Andererseits wird auch in der Fachwelt bestritten, dass die Mediation beispielsweise im Krieg eine Exitstrategie anbieten kann und dass sie bei Gewalthintergründen und in hoch eskalierten Fällen möglich ist, also genau da wo bedarf besteht. Auf dem Weg zur Nachfrage, muss sich also auch die Mediation finden und von dem Image befreien, lediglich ein Smalltalk zu sein. Wenn die Durchführung des Mediationsverfahrens den Ausbildungs- und Nachfragezweck begrenzen, wird der Bedarf nach Mediation nicht ausgeschöpft.
Der Lösungsansatz
Sowohl der Ausbildungsmarkt wie der Mediationsmarkt hängen voneinander ab. Je mehr Menschen in Mediation ausgebildet sind, umso größer werden die Chancen ihrer Verwendung. Viele Absolventen, die eine Mediationsausbildung absolviert haben, wenden einige Techniken noch immer an, auch wenn sie keine Mediationsverfahren anbieten oder durchführen. Meistens hat sich auch ihre Lebenseinstellung verändert.
Mediation ist aber mehr als nur die gelegentliche Anwendung von Techniken. Sie ist sogar (je nach dem zugrunde liegenden Mediationsverständnis) mehr als das Mediationsverfahren. Erst wenn klar ist, wie die Mediation zu verwenden ist, klärt sich auch der Bedarf nach Ausbildung. Die These lautet, dass der Bedarf nach Ausbildung umso größer wird, je größer die Chancen sind, die Mediation zu vermarkten. Um ihre Verwendungsmöglichkeiten einzuschätzen, kommt es darauf an, was unter Mediation verstanden wird und wo sie eingesetzt werden kann. Die kognitive Mediationstheorie erweitert den Mediationsradius. Sie löst sich von dem Verfahrensbegriff, indem sie den Erkenntnisprozess in den Vordergrund stellt. Sie zeigt, wie Hindernisse aus dem Weg zu räumen sind, die der Lösung eines Problems oder seiner Vermeidung im Wege stehen. Mit dieser Fähigkeit wird die Kompetenz der Mediation angesprochen, die immer und überall einzusetzen ist. Sie ist so notwendig wie die Fähigkeit zu rechnen. Sie ist eine Grundkompetenz, die nicht nur das Mediationsverfahren, sondern alle Prozesse erfasst, wo nützliche Lösungen zu finden sind.
Bedeutung für die Mediation
Mediation hat ihre beste Zeit nicht hinter sich – sie hat ihre eigentliche Zeit vielleicht noch gar nicht erreicht. Die vergangenen Jahrzehnte der europäischen Friedensdividende haben gezeigt, dass bloße staatliche Förderung nicht genügt, um Mediation selbstverständlich zu machen. Mediation ist kein Produkt, das sich wie eine technische Lösung „einführen“ lässt. Sie ist ein kultureller Ansatz des Umgangs mit Konflikten, der eine Haltung der Verständigung voraussetzt.
Gerade wenn politische Rhetorik wieder macht- und konfrontationsorientiert wird, wächst der Bedarf an Verfahren, die den Raum für Verständigung offenhalten. Mediation ist damit ein Schatz, der in Zeiten erhöhter Polarisierung zu heben ist. Ihr Wert liegt in dem Bedarf und der Fähigkjeit, Vernunft walten zu lassen.8
Die Vision einer mediativ geprägten Konfliktkultur bleibt daher unverändert aktuell. Was es braucht, sind nicht allein Förderprogramme, sondern Menschen, die diese Haltung leben, sichtbar machen und den Nutzen – nicht das Verfahren – kommunizieren. Wo gesellschaftliche Spannungen wachsen, kann Mediation ihre besondere Kraft entfalten: nicht trotz, sondern gerade wegen der lauter werdenden Stimmen der Konfrontation.
Arthur Trossen
Bild von AbsolutVision von Pixabay