Wert und Werte
Beitragsthemen
Wann und warum Werte wichtig sind in der Mediation und wie damit umzugehen ist.
Möglicherweise ist die erste Assoziation, die mit dem Begriff „Wert“ verbunden wird, die eines Preises. Der Preis ermöglicht eine Bewertung im Sinne von „teuer“ oder „billig“ und führt zu einer Einschätzung, ob sich etwas lohnt oder nicht.
Etymologisch verweist der Begriff jedoch auf eine weiterreichende Bedeutung. Nach dem DWDS leitet sich „Wert“ vom althochdeutschen werd ab, was „wertvoll“, „kostbar“ oder „Preis“ bedeutet. Seine Wurzeln liegen im germanischen werþa-, das auf Geltung und Würdigung verweist. Ursprünglich bezeichnete der Begriff sowohl den Kaufpreis als auch den Stellenwert einer Sache.1
Im heutigen Sprachgebrauch umfasst „Wert“ ein breites Bedeutungsspektrum: Er kann ökonomische Größen bezeichnen, messbare Datenwerte oder normative Orientierungen im ethischen Sinne.
In der Mediation erhält der Begriff darüber hinaus eine spezifische Bedeutung. Hier fungieren Werte nicht primär als Maßgrößen oder Normvorgaben, sondern als Orientierungspunkte, über die sich die individuelle Bedeutung (Sinn) von Anliegen und Lösungen erschließt.
Was sind Werte?
Der Wertbegriff wird uneinheitlich gebraucht. Was genau gemeint ist, bedarf der Klärung. Das gilt besonders dann, wenn Werte in der Mediation angesprochen und von den Parteien besonders herausgestellt werden. Was wollen sie damit zum Ausdruck bringen?
Werte werden oft mit Normen in Zusammenhang gebracht. Wenn Normen die Handlungsanweisungen sind, ergeben die Werte den Handlungszweck oder die dahinter verborgene Zielvorstellung. Indem sich der Mensch Werte zuschreibt, gibt er dem Handeln oder Unterlassen einen Sinn.
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Grundsätzlich können Werte als bewusste oder unbewusste Leitvorstellungen und Orientierungsmuster des Handelns von Individuen oder Gruppen betrachtet werden. Sie etablieren sich als tief verwurzelte Überzeugungen darüber, was für eine Person oder eine Gemeinschaft wichtig und wünschenswert ist. Die Überzeugung hilft bei der Bewertung von allem, was wir sind und was uns umgibt.
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Das Beispiel zeigt, wie der Wert in die Bewertung einfließt. Die Bewertung ist somit die Zuschreibung oder Bestimmung von Werten. Ihr Nutzen erschließt die Bedeutung, so wie der Wert die Bedeutung erschließt. Das eine ergibt das andere, so wie der Wert auch mit der Norm in einer Wechselbeziehung steht. Wenn ich mir für den Wert des Geldes nichts kaufen kann, wird es wertlos. Wenn es wertlos wird, verliert es an Bedeutung. Wenn dem Geld jedoch wieder eine große Bedeutung beigemessen wird, wird es aufgewertet. Der Wertverlust wird kompensiert.
Werte und Sinn
In der Auseinandersetzung mit Werten lohnt es sich, zwischen funktionalen, sozialen und existenziellen Zugängen zu unterscheiden. Einen eigenständigen, sinnorientierten Zugang zu Werten hat Viktor Frankl entwickelt. In seiner Logotherapie stehen Werte nicht primär als Maßstäbe des Handelns, sondern als Ausdruck von Sinn, Verantwortung und persönlicher Stellungnahme zum Leben im Vordergrund. Dieser Ansatz eröffnet eine eigene theoretische Perspektive mit einer angepassten Herangehensweise in der Mediation, weshalb auf folgenden Beitrag verwiesen wird.
Wertetheorie nach Viktor Frankl
Die Wertearbeit
Insbesondere im Kontext der integrierten Mediation wird die Sinnfindung als ein zentrales Element der Phase 3 hervorgehoben. Die Einigung erschließt sich dabei über die wechselseitige Anerkennung der jeweiligen Bedeutungszuschreibungen und gegebenenfalls über deren Korrektur oder Neuinterpretation. Während sich der Fokus zunächst auf den Nutzen richtet (Wozu dient eine Lösung?), erschließt die Sinnarbeit die dahinterliegende Bedeutung (Was bedeutet dieser Nutzen für die Beteiligten?).
Werte liefern in diesem Zusammenhang den Maßstab, anhand dessen Bedeutung eingeordnet und bewertet wird. Sie fungieren jedoch lediglich als abstrakte Orientierungskategorien. Der eigentliche Sinn entsteht erst durch deren individuelle Ausfüllung im konkreten Lebenskontext der Parteien. Werte sind somit das Label, Sinn ist die persönliche Bedeutung, die diesem Label zugeschrieben wird. Die folgende Tabelle verdeutlicht dieses Verhältnis:
| Wert | Sinn (individuell) |
|---|---|
| Sicherheit | „Ich will nicht wieder überrascht werden“ |
| Respekt | „Ich will ernst genommen werden“ |
| Freiheit | „Ich will selbst entscheiden können“ |
- Hilfe bei der Bedeutungserhellung
- In der vorstehenden Tabelle erscheinen Werte als positiv formulierte Aspekte der zugrunde liegenden Problematik. Der Umweg über Werte kann helfen, die dahinterliegenden Bedürfnisse und Bedeutungen zu identifizieren und sprachlich zugänglich zu machen.
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- Hilfe bei Wertinkonsistenz
- Als Klärungsprozess kann die Mediation auch dazu beitragen, inkonsistente Sinn- und Wertzuschreibungen sichtbar zu machen. Sie legt Diskrepanzen offen, ohne diese moralisch zu bewerten, und unterstützt die Parteien dabei, diese in stimmige und handlungsfähige Sinnstrukturen zu überführen.
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Das Beispiel verdeutlicht zugleich die Grenze zwischen der Wertearbeit als regelmäßigem Bestandteil der Bedeutungserhellung in der Mediation und einem Wertekonflikt, bei dem Werte nicht mehr nur Mittel zur Klärung sind, sondern selbst zum Gegenstand des Konflikts werden.
Bedeutung für die Mediation
Werte geben eine Orientierung bei der Lösungsfindung, weil sie einen Maßstab für den Sinn des Nutzens geben. Leider sind Werte oft nicht bekannt. Es kann deshalb passieren, dass die Frage: "Was bedeutet Familie für Sie?" Oder "Was ist Sinn und Wert von Familie?" nicht einmal verstanden wird. "Blöde Frage" könnte die Antwort lauten. "Familie ist Familie". Das ist auch eine Aussage. So wenig Werte in der Vorstellungswelt der Parteien vorkommen, so übertrieben können sie auch vorgestellt werden. In beiden Fällen sind sie zu hinterfragen, um herauszufinden, ob sie eine Orientierung bei der Lösungsfindung geben können.
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