In vielen Ländern, einschließlich Österreich und Deutschland, gilt Mediation als wirkungsvolle Methode der Konfliktlösung. Dennoch bleibt ihre tatsächliche Nutzung seit Jahren gering – ein Phänomen, das als Mediationsparadoxon bezeichnet wird und im Wiki bereits besprochen wurde.1 Dass die Mediation hinter den Erwartungen zurückliegt, ist bereits seit 10 Jahren bekannt.2 Die nunmehr veröffentlichte, österreichische Studie MEDIAS liefert methodisch fundierte Daten, um dieses Paradoxon empirisch zu beleuchten.3 Wir wollen schauen, ob sich daraus neue Impulse ergeben. MEDIAS ist ein Forschungsprojekt der Universität Innsbruck in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium der Justiz in Österreich.4

Die Studie offenbart ein klares Muster im Umgang mit Konflikten: Die überwiegende Mehrheit der Menschen (76,9 %) sucht Hilfe primär im privaten Umfeld bei Familie und Freunden. Konflikte bleiben damit meist nicht-professionell. Professionelle Rechtsberatung folgt erst an zweiter Stelle, während alternative Verfahren wie Mediation kaum bekannt oder nicht klar abgegrenzt sind. Oft wird schlichtes „nochmaliges Reden“ bereits als Form der Konfliktvermittlung missverstanden.

Trotz einer scheinbar hohen Bekanntheit des Begriffs (76,7 %), zeigt ein differenzierter Wissenstest, dass nur etwa die Hälfte der Bevölkerung (51,3 %) tatsächlich weiß, was Mediation ist. Signifikant für diese Kenntnis sind vor allem der Bildungsgrad und das Alter, nicht jedoch das Einkommen oder der Besitz einer Rechtsschutzversicherung.

In der Praxis haben nur 4,7 % der österreichischen Bevölkerung jemals eine Mediation begonnen. Die multivariate Analyse identifiziert das Einkommen als stärksten Einflussfaktor: Je höher das Einkommen, desto wahrscheinlicher wird eine Mediation in Anspruch genommen. Im Gegensatz zu manchen deutschen Ergebnissen zeigen die österreichischen Daten, dass Menschen mit eigener Mediationserfahrung diese deutlich positiver bewerten als jene, die sie nur vom Hörensagen kennen. Die deutsche GANDALF-Untersuchung hatte nahegelegt,5 dass Personen ohne Mediationspraxis dem Verfahren positiver gegenüberstehen als solche mit Erfahrung. Die österreichischen Daten zeigen ein gegenläufiges Bild. Hier bewerten erfahrene Mediandinnen und Medianden die Mediation hochsignifikant häufiger als hilfreichen Ansatz als bloß theoretisch informierte Personen. Die praktische Anwendung scheint die Wertschätzung für das Verfahren also zu steigern, nicht zu mindern.

Das Verhältnis von Mediation und Gerichtsbarkeit ist in Österreich eher lose: Nur etwa jede zehnte Mediation läuft parallel zu einem Gerichtsverfahren, was auch auf das Fehlen eines Pendants zum deutschen Güterichterverfahren zurückzuführen ist.

Als Zwischenfazit lassen sich die Ursachen des Mediationsparadoxons in Österreich somit präziser fassen: Mediation ist weniger bekannt und verständnisbedürftiger als oft angenommen, unterliegt finanziellen Zugangsbarrieren und konkurriert mit informellen und rechtlichen Konfliktlösungsmustern. Der zweite Teil der Studie verspricht, zusätzliche strukturelle Hemmnisse zu identifizieren und sie den dennoch klar positiven Erfolgszahlen der Mediation gegenüberzustellen. Der 2. Teil ist noch nicht erschienen. Die Veröffentlichung zum ersten Teil kann hier nachgelesen werden: Das Mediationsparadoxon in Zahlen

Arthur Trossen


Bild wgbieber auf Pixabay