Bewusstsein
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Die Auseinandersetzung mit dem Bewusstsein soll dazu beitragen, den Verstehensprozess zu optimieren.
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Zum Thema » Die Bewusstseinsforschung unterscheidet zwischen dem objektiven Wissen über Vorgänge (z. B. neuronale Prozesse, Informationsverarbeitung) und dem subjektiven Erleben dieser Vorgänge. Ein bekanntes Gedankenexperiment macht diesen Unterschied deutlich:1
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Das Beispiel zeigt, dass eine Person alle physikalischen Fakten über eine Wahrnehmung kennen kann, ohne zu wissen, wie sie sich anfühlt. Ohne dieses Erleben kann sie sich die Bedeutung von Rot nicht wirklich bewusst werden. Bewusstsein ist nicht auf Daten, Fakten oder logische Schlüsse reduzierbar. Es beinhaltet ein inneres Erleben, das nur aus der Ich-Perspektive zugänglich ist.
Definition
Der Begriff wird vom mittelhochdeutschen Wort bewissen im Sinne von „Wissen über etwas habend“ abgeleitet.2 Auf die lateinische Wurzel conscientia zurückgeführt bedeutet Bewusstsein so viel wie Mitwissen, bei Sinnen sein, denken und beschreibt die erfahrbare Existenz geistiger Zustände und Prozesse.3
Fähigkeit
Bewusstsein kann als eine operative Instanz verstanden werden, die fortlaufend eine Rekonstruktion der äußeren Realität vornimmt. Diese Rekonstruktionsleistung bleibt dem Menschen weitgehend verborgen, wodurch der Eindruck entsteht, die Realität unmittelbar wahrzunehmen – und nicht deren Interpretation.
Schon das Zitat, das aus dem nachfolgenden Videobeitrag stammt, belegt die Eingeschränktheit des Bewusstseins. Das Bewusstsein könnte als eine operative Einheit gesehen werden, die auf einen riesigen, im Unbewussten abgelegten Datenspeicher zurückgreift und nicht nur Daten abruft, sondern auch beim Abruf vom Unterbewusstsein beeinflusst wird.
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem Video um ein bei Youtube (Google) hinterlegtes Video handelt. Was das bedeutet, erfahren Sie in der Datenschutzerklärung. Eintrag im Videoverzeichnis erfasst unter Das Rätsel des Bewusstseins
Das Bewusstsein greift auf einen umfangreichen, im Unbewussten gespeicherten Erfahrungsschatz zurück. Es ruft nicht nur Informationen ab, sondern wird beim Abruf selbst beeinflusst: durch Emotionen, Vorerfahrungen, Erwartungen und Bedeutungszuschreibungen. Bewusstsein ist daher selektiv, perspektivisch und begrenzt – eine Tatsache, die für das Verständnis von Konflikten zentral ist.
Das „harte Problem“
Wenn Mary in den Beispiel etwas gelernt hat, als sie die Farbe rot zum ersten mal gesehen hat, dann ist dies ein Beweis dafür, dass Wissen allein nicht ausreicht, um ein Erlebnis zu erklären. Dann gibt es etwas, das physikalisch nicht zu erklären ist. Etwas, dass man nicht messen, nicht abbilden, nicht auf ein Datenblatt schreiben kann. Es ist eines der großen Rätsel der modernen Wissenschaft. Es wird in der Bewusstseinsforschung als „hartes Problem des Bewusstseins“ beschrieben. Gemeint ist die Frage, warum und wie objektive Prozesse (z. B. neuronale Aktivität) von subjektivem Erleben begleitet werden. Die Vorstellung, dass es nur einer physischen Materie bedarf, die auf bestimmte Weise im Gehirn zusammengesetzt werden muss, um Bewusstsein zu erzeugen, wird mehr und mehr in Frage gestellt.4
Für die Mediation muss dieses Problem nicht gelöst werden. Seine Bedeutung liegt vielmehr darin, dass es den Unterschied zwischen Wissen und Erleben verdeutlicht. Parteien wissen häufig sehr genau, was passiert ist. Sie erleben das Geschehen jedoch auf unterschiedliche Weise, mit abweichenden Bedeutungszuschreibungen und einem jeweils eigenen Bewusstsein.
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Mediation arbeitet deshalb nicht primär mit Erklärungen, sondern mit dem bewussten Zugang zum inneren Erleben der Beteiligten.
Bewusstsein und Denken
Warum rationale Argumente nicht ausreichen.
Denken ist immer in bewusstes Erleben eingebettet. Gedanken sind untrennbar verbunden mit Gefühlen, Bewertungen, Identität und Sinnzuschreibungen. Neurowissenschaftliche Modelle können zwar zeigen, welche Gehirnareale bei bestimmten kognitiven Prozessen aktiv sind, sie erklären jedoch nicht, warum ein Gedanke als bedrohlich, verletzend oder entlastend erlebt wird.
Für die Mediation folgt daraus eine zentrale Erkenntnis: Ein Perspektivwechsel gelingt nicht durch bessere Argumente, sondern durch eine Veränderung des Bewusstseins, in dem diese Argumente verankert sind.
Erweiterte Perspektiven
Bewusstsein als grundlegende Struktur
Einige moderne philosophische Ansätze gehen davon aus, dass Bewusstsein nicht erst durch komplexe Systeme entsteht, sondern eine grundlegende Eigenschaft der Wirklichkeit sein könnte. Unabhängig davon, ob diese Annahmen zutreffen, haben sie für die Mediation eine klare praktische Konsequenz: Bewusstsein wird nicht erzeugt, sondern zugänglich gemacht.
Der Mediator schafft keinen Konsens und produziert keine Einsichten. Er eröffnet einen Raum, in dem sich Bewusstsein differenzieren, erweitern und neu ordnen kann. Verständigung entsteht nicht durch Überzeugung, sondern durch Bewusstwerdung.ann.
Nutzung von Bewusstsein in der Mediation
Bewusstsein wirkt in der Mediation auf mehreren Ebenen. Auf der Ebene des Selbstbewusstseins erkennen Parteien eigene Gefühle, Bedürfnisse und Bewertungen. Auf der Ebene des Fremdbewusstseins wird das Erleben der anderen Seite als real, eigenständig und legitim anerkannt. Auf der Ebene des Meta-Bewusstseins beginnen die Beteiligten, ihr eigenes Denken, Bewerten und Reagieren zu beobachten.
Um Bewusstsein in der Mediation anzusprechen und zu erweitern, geht es vor allem darum, eingefahrene Denk- und Wahrnehmungsmuster zu unterbrechen und neue Perspektiven zu eröffnen. Ziel ist es, von starren Positionen zu den dahinterliegenden Interessen und Bedürfnissen zu gelangen.
Eine grundlegende Voraussetzung dafür ist aktives Zuhören. Durch Paraphrasieren und Spiegeln fühlt sich eine Partei verstanden und ernst genommen. Diese Erfahrung von Sicherheit und Anerkennung schafft die Offenheit, die eigene Sichtweise zu hinterfragen.
Eine zentrale Rolle spielen offene Fragen. Sie laden zur Reflexion ein und fördern Bewusstseinsbildung. Lösungsorientierte Fragen lenken den Blick weg vom Problem hin zu möglichen Veränderungen. Fragen nach Interessen statt Positionen machen sichtbar, welche Bedürfnisse hinter Forderungen stehen. Perspektivwechsel-Fragen fördern Empathie, indem sie die Sichtweise der anderen Seite einbeziehen. Zukunftsorientierte Fragen lösen aus der Fixierung auf Vergangenes und stärken die Gestaltungsfähigkeit. Realitätstests machen die Konsequenzen des Festhaltens am Konflikt bewusst.
Auch Visualisierung und Arbeit auf der Meta-Ebene unterstützen Bewusstwerdung. Reframing ermöglicht es, problematisch erlebtes Verhalten in einen neuen Bedeutungszusammenhang zu stellen. Die Technik des „Ja, und …“ verbindet Anerkennung mit einer Öffnung in Richtung Lösung und verhindert Abwehrreaktionen.
Der bewusste Umgang mit Emotionen ist dabei zentral. Indem Emotionen benannt und normalisiert werden, verlieren sie ihre überwältigende Wirkung. Das erleichtert es den Parteien, wieder handlungs- und denkfähig zu werden.
Schließlich spielt Anerkennung eine wichtige Rolle. Wird die Haltung oder Leistung einer Partei gewürdigt, entsteht die Bereitschaft, sich auch mit herausfordernden Fragen auseinanderzusetzen. Bewusstseinsarbeit gelingt dabei weniger durch Konfrontation als durch eine Haltung allparteilicher Neugier: nicht im Sinne von „Der Mediator weiß es besser“, sondern im Sinne von „Was wird sichtbar, wenn Sie sich diese Frage selbst stellen?“.
Bedeutung für die Mediation
Bewusstsein ist kein Randthema der Mediation, sondern ihr Kern. Konflikte lösen sich nicht auf, wenn sie besser verstanden werden, sondern wenn sich das bewusste Erleben der Beteiligten verändert. Mediation nutzt die menschliche Fähigkeit, sich selbst beim Denken zu erleben, eigene Bedeutungszuschreibungen zu erkennen und neu zu ordnen. In diesem Prozess entstehen Verständigung, neue Handlungsspielräume und tragfähige Lösungen.
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Siehe auch: Unterbewusstsein, Denken
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