Die Sinnkerze
Es war der dritte Advent im Haus der unerwarteten Einigung, wie Medi & Ator ihre "Praxis für Mediation" inzwischen nannten. Auf der Suche nach einem Narrativ, mit dem sie die Mediation verständlicher machen wollten, klang der neue Name so verheißungsvoll, wie das unbefriedigte Bedürfnis der Welt nach Harmonie.
Draußen fiel leise der Schnee. Drinnen duftete es nach Zimt und Erkenntnis. Medi & Ator hatten die Räume ihrer Mediationskanzlei neu eingerichtet. Jetzt saßen sie an dem runden Tisch aus Reflektanium, einem seltenen Holz, das Gedanken in Schwingungen verwandelte, und besprachen die Lage. Neben dem Tisch befand sich ein 5-armiger, lebensgroßer Kerzenständer. Das war ein neues Accessoire für die Mediationen. Medi & Ator waren dazu übergegangen, die gefundenen Lösungen feierlich zu zelebrieren - als wäre der Frieden eine Errungenschaft.1
Aktuell gab es allerdings nichts zu feiern. Also unterstrichen die gelöschten Kerzen die bedrückende Stimmung.2
Die hoffnungsvolle Verzweiflung
„Die Mediation wird uns nicht überleben“, sagte Medi leise.3
Das war ihre große Not. Nicht, weil sie als Mediatorin um ihre Einnahmen fürchtete. Sondern weil sie die Mediation als Garant für Frieden ansah. Medi hatte Angst, dass die Mediation bei der zunehmenden Konfrontation in der Gesellschaft übersehen wird. Sie meinte, dass der Frieden darunter zu leiden hätte.
Ator konnte Medis Verzweiflung nachvollziehen. Gleichzeitig fragte er sich, ob Medi wirklich die Mediation in Gefahr sah – oder nicht vielmehr sich selbst. „Wie meinst du das?“, fragte er deshalb ebenso vorsichtig, wie einfühlsam.
„Ich würde gern etwas Sinnvolles tun“, sagte Medi.
„Du bist Mediatorin“, entgegnete Ator.
„Ist das nicht sinnvoll genug?“
„Das macht es nur noch schlimmer“, erklärte Medi.
„Gerade weil ich Mediatorin bin, weiß ich, dass die Mediation einen Ausweg aus Konflikten anbieten kann und sogar aus Kriegen!4
Umso tragischer fühlt es sich an, wenn dieser Ausweg nicht gesehen werden will. Das ergibt für mich keinen Sinn.“
„Vielleicht ist es keine Frage des Wollens“, sagte Ator in seiner ihm eigenen, leicht belehrenden Art.
„Du kennst doch den Todeslauf der Kriegerameisen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, dozierte er weiter: „Kriegerameisen sind so sehr darauf fokussiert, andere Ameisen zu töten, dass sie sich – ohne es zu merken – selbst jagen. Ihr Drang führt sie in einen Kreislauf, in dem sie sich im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode rennen.5
Sie bemerken nicht einmal, dass ihr fanatischer Fokus jede Chance vereitelt, der Todesspirale zu entkommen.“
Medi seufzte. Ators Gedanke half ihr wenig.
„Du meinst also auch, dass es keinen Ausweg gibt“, sagte sie jetzt völlig resigniert.
„Die Todesspirale verdrängt die Mediation.“6
„Nur, solange wir uns wie die Ameisen benehmen“, korrigierte Ator.
Mit seinem Einwand wollte er wenigstens die Idee einer Hoffnung hinterlassen –
auch wenn sie unerreichbar schien. „Wer sich – aus welchen Gründen auch immer – auf dem Kriegspfad wähnt“, fuhr er fort, „interessiert sich eher für Waffen als für Mediation. Es ist wie im realen Leben: Es gibt einen Ausweg. Aber die Ameisen müssten über den Tellerrand blicken, um ihn zu erkennen. Das werden sie nicht, solange sie sich auf die Jagd konzentrieren. Sie würden ja sonst ihr Ziel aus den Augen verlieren.“
„Aber genau darauf kommt es doch an“, entgegnete Medi entrüstet.
„Tja“, sagte Ator ungerührt. „Der Krieg ist doch eine Lösung.“
Medi sah ihn schockiert an. Noch bevor sie sich aufregen konnte, fuhr Ator fort:
„Die Frage ist: wofür er eine Lösung ist und in welchem Kontext.“7
Langsam begann Medi zu verstehen.
„Wenn wir im Rhythmus der Mediation denken“,8 fuhr Ator fort, „dann kommt die Lösung erst in der vierten Phase zur Sprache.9 Im Moment sind wir noch nicht einmal in Phase eins.10 Also können wir die Frage nach dem Wozu aktuell auch noch nicht korrekt beantworten.“11
Falscher Moment, falsche Reihenfolge, falsche Frage.
Ator zwinkerte Medi vielsagend zu. Niemand wusste genau, was er damit sagen wollte.
Medi hatte jedoch eine Ahnung.
Ein Krieg kann in der Mediation eine Lösung sein – wenn er sich als sinnvoll und vernünftig erweist. Weil ein Krieg jedoch niemals vernünftig ist, kommt er in einer Mediation auch nicht als Lösung zustande. Gelänge es also, die Mediation auf politische Entscheidungsprozesse zu übertragen, gäbe es keine Kriege mehr.12 Leider – davon war Medi überzeugt – geht es in der Politik um etwas anderes als um Mediation. Die erwartete Wahrnehmung begünstigt eine Polarisierung – glaubt man – und die Polarisierung verdrängt die Balance. Und genau das befeuert die Todesspirale.
Medis apokalyptischen Gedanken verstärkten ihr innere Unruhe.
Die Stimmung wurde umso bedrückender.
Plötzlich und wie aus heiterem Himmel durchfuhr Medi eine Erleuchtung.
„Es gibt keine Träume mehr“, schrie sie in das Haus der unerwarteten Einigung.
Medi war ganz aufgeregt. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen wieder träumen können“. Sie ahnte, dass sich mit ihrem Traum die Gedanken aus dem Teufelskreis herausführen lassen.
Ator reagierte verhalten. Er war skeptisch.
„Träum weiter“, sagte er nur schroff.
Dann fragte er: „Was hat das mit Mediation zu tun?“.
Medi wusste es auch nicht.
Plötzlich, kaum bemerkt, und zum ersten Mal, seit sie den Kerzenständer aufgestellt hatten, entzündete sich eine der Kerzen von selbst. Es war, als wolle ihr Licht den Gedanken unterstreichen und die Erleuchtung wörtlich nehmen. Ator maß dem Phänomen keine Bedeutung bei. Er trat näher und löschte die Kerze sofort wieder. Für ihn gab es keinen Grund zum Feiern.
Schon hatte die Realität Medis kurzen Traum eingeholt.
Die Traumfabrik
Ator gab sich nicht zufrieden.
Fast so, als wolle er unbedingt Recht behalten, sagte er: „Doch, es gibt Träume. Frag den Herrscher des War-Imperiums. Der träumt sogar öffentlich davon, dass sein Imperium das mächtigste der Welt sei und noch mächtigster werde.“
„Das mag sein“, erwiderte Medi. „Ich meinte aber keine Phantastereien. Und wenn sich hinter dem Größenwahn überhaupt ein Traum verbirgt, erlaubt er keine Vision. Er erschöpft sich in einer Lösung, die lediglich von einem Narrativ getragen wird.“ Medi kannte sich mit dem Dimensionieren aus.13 Es gelang ihr, Informationen präzise zu unterscheiden. Dass es sich hier um eine Lösung handelte, erkannte sie daran, dass dem Traum ein Leitbild fehlte. Ein Leitbild hätte die Vision gerechtfertigt.
„Das fehlende Leitbild erkennst Du daran“, erklärte sie, „dass sich die Vision in ihrer Lösung erschöpft. Ein Machtanspruch ist keine Vision. Er ist nur ein Mittel zum Zweck – und offenbart letztlich nichts als die existenzielle Leere.“
Diese Gedanken mussten sich erst einmal setzen.
Nach einer kurzen, philosophischen Pause fügte Medi hinzu: „Übrigens ist der Herrscher des War-Imperiums in dieser Leere nicht allein.
Es gibt viele Herrscher, die uneingeschränkte Macht beanspruchen und sich in diesem Anspruch selbst verlieren. Genau hier beginnt das eigentliche Problem.“
Medi sprach nun ruhiger, aber umso eindringlicher.
„Der vermeintliche Traum ist nicht teilbar. Er braucht Feinde, um sich zu verwirklichen“. Sie ließ ihren Blick schweifen.
„Warum sonst greift das War-Imperium die Zwerge an? Warum kann sich das Ego-Imperium diesen Übergriff nicht gefallen lassen? Warum kommt ihm der Zwist mit den Zwergen recht, solange er dazu beiträgt, das Neo-Imperium zu schwächen? Und warum fühlen sich die Elfen in die Enge getrieben?“
Medi ließ die Fragen im Raum stehen.
„Was sind das für Träume“, fragte sie schließlich leise, „die einen Krieg brauchen, um geträumt zu werden?“
Diese Überlegungen stimmten sie nicht optimistisch.
„Ich verstehe, was du meinst“, sagte Ator mitfühlend, „Und ich glaube, Du hast recht“. Der Spezialist fürs Paraphrasieren14 fügte hinzu: „Das sind keine Träume – das sind dystopische Fantasien.“ Dann fragte er vorsichtig: „Kann es sein, dass deine Warum-Fragen15 gar nicht nach Gründen suchen, sondern nach Sinn?“
Medi hielt inne.
Dann nickte sie langsam.
„Ja“, sagte sie überrascht. „So habe ich das noch gar nicht gesehen.“
Jetzt wurde vieles klar.
„Es macht keinen Sinn“, begann sie, „wenn die Welt einem selbst verschuldeten Krieg geopfert wird, der sie am Ende unbewohnbar macht.
Es macht keinen Sinn, junge Menschen zu opfern, obwohl die Welt dringend Nachwuchs braucht. Es macht keinen Sinn, lebensnotwendige Ressourcen zurückzuhalten, während Menschen hungern. Es macht keinen Sinn, Wissen zu verbergen, das helfen könnte, Krisen zu überwinden. Es macht keinen Sinn, einen Sieg auszurufen, der auf einem Untergang beruht.“ Sie stockte. „Es macht keinen Sinn …“
Medi holte tief Luft.
Ihre Liste war noch lange nicht zu Ende.
Ator fing sie auf.
„Die Liste der Sinnlosigkeiten ist lang“, sagte er – nicht spöttisch, sondern mitfühlend.
„Wahrscheinlich empfinden viele Menschen so, wenn sie den Sinn hinter den Absurditäten der Politik nicht mehr verstehen.“
Der Albtraum
Die philosophisch anmutenden Überlegungen von Medi & Ator wurden jäh unterbrochen. Ein Donnerschlag ließ die Fensterscheiben im Haus der unerwarteten Einigung erzittern. Die Tür sprang auf. Zwei gigantische Schatten polterten herein. Offenbar hielten sie es nicht für nötig, den mediativen Fünf-Ton-Gong zu benutzen, den Medi & Ator einst liebevoll installiert hatten.
Wenn man vom Teufel spricht …, dachten beide gleichzeitig.
Die Schatten gehörten zu Lord Blutahn und Sir Thumm. Lord Blutahn war der Herrscher über das War-Imperium, von dem eben noch die Rede gewesen war. Er war kleinwüchsig, aber von einer massiven, beinahe eisenharten Präsenz. Sein Blick war kalt und unbeweglich. Sir Thumm, der umstrittene Fürst des Ego-Imperiums, bildete den scharfen Kontrast: groß, laut, geschniegelt – und überzeugt davon, dass jede Wahrheit eine Bühne brauche.
Medi ließ sich ihre Überraschung nicht anmerken. Sie erhob sich und verneigte sich leicht. „Willkommen im Haus der unerwarteten Einigung“, sagte sie ruhig. „Bitte setzen Sie sich doch.“
„Ich stehe lieber“, grummelte Blutahn.
„Ich rede lieber“, sagte Thumm.
Medi spürte, wie ihre eigene Sinnkrise in den Hintergrund trat. Auch ihre Wut über die daraus resultierende Hilflosigkeit verflog. Jetzt war sie ganz bei der Sache. Das verdankte sie ihrer professionellen Haltung16 – und vielleicht auch dem Traum, dass ihre These stimmen könnte. Und wenn dem so war, dann würde eine Vision helfen, den Konflikt zu lösen.
Plötzlich kamen Bedenken auf. Irgendetwas stimmt hier nicht, dachte sie. Die Medianden sind nicht authentisch. Was wollen sie von einer Mediation? Medi beantwortete die Frage selbst:
Bestimmt nichts Gutes.
Die Traumdeutung
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte Medi mit einem Lächeln, das sie selbst als etwas aufgesetzt empfand.
„Machen Sie sofort die Kerze aus!“, polterte Lord Blutahn.
Medi war irritiert. Nirgends brannte keine Kerze. Um die Situation aber nicht weiter eskalieren zu lassen, tat sie so, als käme sie der Aufforderung nach. Sie stand auf, ging zum Kerzenständer und kommentierte mit süffisantem Unterton: „Sie mögen es nicht gemütlich?“
Das Licht muss eine Bedeutung haben, dachte Ator. „Licht verdrängt Schatten“, flüsterte er Medi zu – leise genug, dass die Medianden es nicht hören konnten. Medi war etwas mutiger. Sie wollte es genau wissen. Sie wandte sich wieder an die Schatten und fragte ruhig: „Wie kann es sein, dass so mächtige Schatten wie Sie Angst vor einem so kleinen Lichtlein haben?“
„Wir haben keine Angst!“, erwiderten Lord Blutahn und Sir Thumm empört – wie aus einem Mund.
„Trotzdem sind Lichter der Grund, warum wir hier sind“, sagte Blutahn nach einem kurzen Zögern etwas kleinlaut.
„Sie sollen verschwinden. Sie sollen uns geben, was wir verlangen“, fügte er trotzig hinzu. Er holte tief Luft. „Die Lichter untergraben meine Autorität“, gestand er schließlich. „Sie durchkreuzen unseren Plan“. „Sie machen alles kompliziert“, ergänzte Sir Thumm. „Sie verkennen mein Genie. Sie wollen immer alles genau wissen. Fake News genügen ihnen nicht.“
In diesem Punkt waren sich die Schatten einig.
„Ich verstehe“, sagte Ator langsam. Er gab seiner Rückmeldung einen positiven Anstrich:17 „Sie meinen, Irrlichter könnten dazu führen, dass Ihre Konturen verwischen.“
„Genau“, bestätigte Sir Thumm.
„Und vor allem: Man verdient nichts daran.“
„Wir fangen an zu wackeln“, ergänzte Blutahn.
„Und wenn die Konturen verschwimmen, verlieren wir Autorität.“
Macht, dachte Medi. Nicht Autorität.
Und Wackeln bedeutete wohl eher zittern.
Medi spürte, wie Ärger in ihr aufstieg.18
Nicht über die Worte selbst – sondern über das abscheuliche Weltbild, das sich darin offenbarte.
Ator verharrte in seinem kritisch-zugewandten Stil.
„Aber Sie sind doch Schatten“, sagte er und stellte eine seiner berühmten Kindfragen:19
„Wie kann ein Schatten ohne Licht auskommen?“
In diesem Moment entzündete sich wieder eine der Kerzen neben dem Tisch. Ganz von allein.
„Wir haben unser eigenes Licht“, sagte Lord Blutahn.
Noch während er sprach, erlosch die Flamme wieder – ohne dass jemand eingegriffen hätte.
„Sie wollen sagen“, hakte Ator nach, „dass Sie nicht auf fremde Lichtquellen angewiesen sind. Und dass fremdes Licht Ihre Konturen gefährdet – weil es relativiert“. Er dachte laut weiter: „In anderen Meinungen erkennen Sie keine Stärkung, sondern eine ungehorsame Schwächung“.
„Wir schützen unser Licht“, sagte Blutahn.
Das ergibt keinen Sinn, dachte Ator. Wie schützt ein Schatten die Lichtquelle, die ihn überhaupt erst erzeugt?
Laut und wieder positiv formuliert sagte er stattdessen: „Sie sorgen also dafür, dass Ihre Projektionen durch eine kontrollierte Lichtquelle ständig aufrechterhalten werden. Sodass Ihre Konturen klar bleiben – und als eindeutig wahrgenommen werden.“
„Genauso ist es“, bestätigte Blutahn.
„Und Sie befürchten“, ergänzte Ator, „dass es als Versagen gilt, wenn Sie die Kontrolle über das Licht verlieren.“
„Jetzt haben Sie es verstanden“, sagte Sir Thumm zufrieden.
„Sie sind fast so schlau wie ich.“
Die Verstehensvermittlung
Medi & Ator konnten mit dem Lob nichts anfangen. Im Gegenteil: Medi fühlte sich unangenehm berührt. Das vermeintliche Licht, von dem die Schatten sprachen, war für sie nichts weiter als ein Narrativ – ein Konstrukt, das den Schatten eine scheinbare Existenzberechtigung verlieh. Für einen kurzen Moment hatte Medi den Impuls, das Licht einfach auszuknipsen. Dann gäbe es keine Schatten mehr. So einfach. Doch sie wusste, dass genau das nicht ihre Aufgabe sein konnte. Die tyrannischen Schatten zu unterstützen, war ebenso wenig Sinn der Mediation, wie sie zu bekämpfen. Mediation ist keine Dienstleistung, die sich jedem Zweck unterordnet. Und sie ist erst recht kein Instrument der Macht. Die Mediation steht für sich selbst.
Medi spürte, wie ihr eigener Konflikt aufbrach. Begegneten sie gerade der dunklen Seite der Mediation? überlöegte sie.
Durften Mediatoren Aggressoren überhaupt wertschätzen, um sie zu verstehen? Mussten sie eine Friedensposition einnehmen – oder die Mediation gar abbrechen?20
Am liebsten hätte Medi offen ausgesprochen, was ihr durch den Sinn ging - wie sie über Krieg, Unterdrückung, Machtmissbrauch, Korruption und Manipulation dachte. Doch sie wusste: Das würde nichts verändern. Und das Licht auszuknipsen, war eine Strategie, die zu Blutahn und Thumm passte – nicht zu ihr und erst recht nicht zur Mediation.
In der Mediation siegt der Verstand.21
Der Frieden ist eine Konsequenz.
Er ist der Nutzen, nicht einmal die Lösung.
Medi wusste, dass mit einer Mediation wenigstens die Chance bestand, dass sich etwas bewegt. Dass sie einen Weg aus der Todesspirale weisen konnte. Sie wusste auch, dass gute Mediatoren einen Ausweg finden – selbst dann, wenn er nicht sichtbar ist.
Ator zwinkerte ihr zu.
Das genügte.
Das Reflecting-Team
Ator wandte sich Medi zu und wechselte bewusst die Ebene. Er nutzte die Technik des Reflecting Teams. Dabei sprechen Mediatoren laut aus, was die Parteien denken sollten – ohne sie festzulegen.„Licht braucht keinen Schatten“, sagte Ator nachdenklich. „Stimmst du mir zu?“
„Ja“, antwortete Medi.
Dann fügte sie hinzu: „Aber Schatten braucht Licht.“
Unmerklich schlüpfte sie in die Rolle der Medianden.
„Das ist ja super philosophisch“, bemerkte Lord Blutahn herablassend.
„Aber es stimmt“, sagte er nach längerem Zögern.
Plötzlich wurde allen klar: Schatten sind Projektionen. Sie haben keine eigene Substanz. Sie entstehen nur, wenn etwas das Licht unterbricht. Die Person, die den Schatten erzeugt, steht zwischen Lichtquelle und Projektion – und ist weder mit dem einen noch mit dem anderen iden-tisch.
Das Höhlengleichnis
Medi & Ator fühlten sich an das Höhlengleichnis erinnert.
Ihr sichtbares Gegenüber war – wie dort – nichts weiter als ein Schatten an der Wand. Verursacht durch Personen, die sie selbst nicht sehen konnten, und beleuchtet durch ein künstliches Feuer hinter ihnen. Was sichtbar wurde, war weder die Realität noch die Idee. Es war ein Sinneseindruck, eine Meinung und letztlich eine Täuschung. Mit dieser Einsicht fanden Medi & Ator ihre Orientierung wieder. Für sie war Mediation ein auf Erkenntnis beruhender Prozess der Klärung. Es kommt darauf an, Bedeutungen zu verstehen, aus denen sich die Sinnhaftigkeit herleiten lässt.
Die falschen Parteien
Auf die Mediation bezogen fühlte sich das alles stimmig an. Doch dann stellte sich die entscheidende Frage: Was half es, wenn es gelang, die Frage der Sinnhaftigkeit mit den Schatten zu klären? Die Täuschung würde dadurch nicht verschwinden. Sie würde den Getäuschten nicht einmal bewusst. Sie bestünde fort – solange es Schatten gab. Und es war kaum anzu-nehmen, dass sich die Schatten selbst ausknipsen, selbst wenn sie dazu in der Lage wären.
Medi verweilte gedanklich noch im Bild des Höhlengleichnisses.
„Was geschah eigentlich mit dem Menschen“, fragte sie, „der die Höhle verließ?“
Ator antwortete ohne Zögern.
„Er war von dem Licht geblendet, sodass er die Wahrheit nicht sofort erkannte. Das Licht tat ihm sogar weh. Es verletzte seine Augen, verwirrte seine Wahrnehmung und zerstörte seine Gewissheiten.“ Ator hielt kurz inne. „Was der Mensch zuvor für Realität gehalten hatte, entpuppte sich als Schatten. Und das, was er nun sah, war so fremd, dass er es zunächst zurückwies.“
Medi nickte langsam.
„Das ist der entscheidende Punkt“, sagte sie leise.
„Wer dem Licht ausgesetzt wird, sieht nicht die Idee. Er erkennt nur, dass der Schatten eine Täuschung war.“
„Erkenntnis beginnt nicht mit Wahrheit“, belehrte Ator. „Erkenntnis beginnt mit Zweifeln und dem Verlust von Gewissheit. Der Verlust kann schmerzhaft sein – be-sonders dann, wenn das Vertrauen fehlt, den Sinn hinter allem zu finden.“
Die Schatten wurden unruhig.
„Keine Sorge“, beruhigte Ator die Medianden. „Wir haben noch nicht geklärt, wer in unserem Fall der Bedauernswerte ist, der die Höhle verlässt.“
Er lächelte leicht. Ator wollte andeuten, als sei es vielleicht ein Glück nur Schatten zu sein. „Sie sind es jedenfalls nicht“, antwortete er an die Schatten gewandt. „Es sind die vielen Menschen und Nationen, die nicht zu Wort kommen. Und trotzdem - oder viel-leicht gerade deshalb - müssen wir sicherstellen, dass auch ihre Konfrontation
mit dem Licht im Blick bleibt.“
Die gemeinsame Vision
Damit war der Auftrag für Medi & Ator klar. Es ging nun tatsächlich darum, eine Vision zu finden, auf die sich alle - auch die nicht Anwesenden - einlassen konnten. Die entscheidende Frage blieb: Wo setzen wir an?
Ator brachte es auf den Punkt.
„Nicht am Schatten“, sagte er. „Der ist nur die nicht existente Projektion. Auch nicht an der Person, die in der existentiellen Leere gefangen ist. Sie ist der Störer. Wir beginnen am besten an der Sinnquelle“, schlug er vor.
Medi sah ihn fragend an.
„Veränderung entsteht nicht aus Macht“, erläuterte Ator.
„Nicht aus Kontrolle. Nicht aus Sieg oder Niederlage, sondern aus dem Willen zum Sinn. Der Sinn wird nicht gefunden. Er wird aus Werten gestaltet.“
Die Medianden konnten nicht mehr folgen.
Sie wussten nichts von Werten. Verloren blickten sie Ator an.
„Sie versuchen, Ihre Macht zu sichern“, erklärte Ator den Schatten seine Gedanken. „Sie sehen andere Lichter als gefährlich und unterdrücken sie“. Ator wartete die Bestätigung ab. Dann hinterfragte er den Nutzen: „Sind Sie sicher, dass Sie sich diese Unterdrückung dauerhaft leisten und lückenlos ge-währleisten können? Kann es sein, dass Sie auf diese Weise nur Symptome bekämpfen - nicht aber die Ursache, die in der Feindschaft selbst geschaffenen wurde?“
„Phase drei“, sagte Medi leise.
Ator nickte.
Auf die Frage nach der Bedeutung des Lichts wiederholten Lord Blutahn und Sir Thumm erwartungsgemäß ihr Narrativ. Es ging um Stärke. Um Kontrolle. Um Überlegenheit. Das war ihnen wichtig.
Medi & Ator hörten zu.
Sie hinterfragten die Bedürfnisse.
Dann wurde ihnen klar, warum den Schatten der äußere Schein so wichtig war.
Es war leichter, die Gefangenen in der Höhle zu kontrollieren – selbst dann, wenn sie die Schatten innerlich ablehnten – als mit ihnen eine Vision zu teilen. „Genau deshalb“, erkannte Medi plötzlich, „gibt es keine Träume mehr.“
Ator lächelte.
Er wusste, was sie meinte.
Zuneigung ließ sich nicht kalkulieren. Sie ist nicht käuflich.
Sinn schon gar nicht. Beides entzieht sich der Kontrolle –
und genau darin liegt die Bedrohung für die Schatten.
Das Rumpelstilzchen
Medi & Ator begaben sich auf die Suche nach dem Rumpelstilzchen.22 Das Rumpelstilzchen liefert den Schlüssel zur Konfliktlösung. Die Profimediatoren vermuteten, dass sich hinter dem Größenwahn der Herrscher ein unerkanntes, existenzielles Bedürfnis verbarg: der Wunsch nach Sinn und Bedeutung. Und die Kompensation einer zwanghaften Suche nach Liebe, der Narzissten niemals begegnen.
Das waren nur Hypothesen.23
Wie in jeder Mediation mussten die Parteien ihre wahren Bedürfnisse selbst erkennen. Ator forderte die Schatten deshalb auf, sich umzudrehen.
„Was sehen Sie?“, fragte er.
Die Schatten zögerten.
„Uns selbst“, antworteten sie schließlich.
„Genauer gesagt “, berichtigte Ator ruhig, „sehen Sie die Personen, die Ihre Schatten werfen“. Er machte eine kurze Pause. „Sie sind wesentlich kleiner als Sie, nicht wahr?" Nach einer weiteren Pause fügte er hinzu: „Was Sie sonst noch sehen, ist eine Sonnenfinsternis“.
Die Schatten waren irritiert. „Wieso?“, fragten sie.
Für sie war das, was sie sahen, eher ein Beweis ihrer Größe. Doch das Gegenteil war der Fall.
Ator erläuterte warum. „Sie sehen die Sonne nicht, weil die Person, die Sie sehen, der Lichtquelle im Weg steht. Sie verdeckt den Sinn.“
Dieser Satz löste eine nachdenkliche Stille aus.
Die Suche nach dem Sinn
Medi erkannte als Erste, was Ators Bild offenbarte.
Sie sah die lichtlose Leere der Macht und ihr Verlangen nach Kompensation.
Wertlosigkeitsgefühle wurden durch Überhöhung ersetzt. Der exponierte Patriotismus wurde zum Alibi für einen fehlenden Gemeinschaftssinn.
Der Wille zum Sinn war umgelenkt worden in einen Willen zur Macht.
An die Stelle eigener Werte trat das Bedürfnis, besser zu sein.
Sinn wurde von Überlegenheit verdrängt. Zugehörigkeit von Abgrenzung.
Und genau das führte in die existentielle Frustration.
Wenn Medis Vermutung stimmte, war das Rumpelstilzchen gefunden. Der wahre Name des Konfliktes verbarg sich hinter der Sinnsuche. Und genau hier bricht der Konflikt auf. Denn den Sinn findet man weder im Schatten, noch in der Sonnenfinsternis.
Aber wo sonst?
Medi senkte ihre Stimme.
Ihr Ton wurde fast verschwörerisch – so, als teile sie ein Geheimnis, das nur die Parteien hören sollten.
„Was wäre“, fragte sie und ließ eine bedeutungsvolle Pause entstehen, „wenn Sie so viel Sicherheit, Anerkennung und Autorität hätten,
dass es auf einen Sieg gar nicht mehr ankäme?“
„Das gibt es nicht“, sagten Lord Blutahn und Sir Thumm wie aus einem Mund.
„Stimmt“, bestätigte Medi ruhig. „Nicht, solange Sie Krieg brauchen, um Bedeutung zu erzeugen. Nicht solange Sie Narrative brauchen, um die Sinnesleere zu verschleiern. Vernunft braucht keine Propaganda und wahre Macht muss nicht kämpfen.“
Ator übernahm.
„Jetzt sind wir dort, wo Mediation uns hinführen will. Wir fragen nicht mehr, wie ein Sieg herbeigeführt werden kann. Wir fragen nicht, wie Macht gesichert oder ein Krieg beendet wird. Auf dieser Ebene findet sich kein Frieden. Wir fragen nach dem Wozu und danach, was wir brauchen, um der Lösung einen Sinn zu geben“.
Ator machte eine kurze Pause.
„Die Bausteine dazu finden wir im Traum von einer heilen Welt mit zufriedenen Menschen und Nationen.“24
Er sah die Schatten an.
„Sie müssen sich dem Licht stellen. Die Vorstellung von einer heilen Welt ist die Sinnquelle. Aus ihr entsteht die teilbare Vision“. Er zögerte kurz, dann fügte er hinzu: „Beachten Sie, dass im Wort zufrieden auch das Wort Frieden steckt. Der Frieden stellt sich ein, wenn Menschen zufrieden sind.“
„Was ist Ihre Vision?“, fragte Medi.
„Was ist Ihr Sinn?“
Die Sinnkerze
Mit dieser Frage begann sich etwas zu verändern.
„Wenn wir uns dem Licht stellen“, gaben die Schatten zu bedenken, „existieren wir nicht mehr. Warum sollten wir das tun?“.
Immerhin dachten sie jetzt mit.
„Wenn Ihre Existenz so leicht verloren geht“, entgegnete Ator ruhig, „dann hat sie vielleicht noch keinen Sinn. Aber wer sagt, dass dem so ist und wer entscheidet, ob Sie sinnlos sind? Vielleicht sind Sie nicht nur das Produkt einer einzelnen Lichtquelle?“.
In genau diesem Moment entzündete sich wieder eine der Kerzen.
Als Medi versuchte, die Kerze zu löschen, stieß sie versehentlich den Kerzenständer an. Die brennende Kerze fiel aus der Halterung. Dabei berührte ihre Flamme die benachbarte Kerze. Die Flamme sprang über. Nun brannten zwei Kerzen.
Medi hielt inne.
Sie erkannte die Symbolik.
Und sie verstand.
Erkenntnis kann auch aus einem Zufall entstehen.
„Ein kleines Licht“, sagte sie leise, „kann sich vermehren, ohne sich zu verlieren. Ein Sinn verbreitet sich ohne Verluste von Kerze zu Kerze. Schatten zeigen uns, wo sich die Lichtquelle befindet und was ihr im Wege steht. Die Anordnung der Schatten zeigt uns, wo sich die Lichtquelle befindet und ihre Kontur belegt, was ihr im Wege steht“.
Behutsam löschte Medi beide Kerzen wieder und richtete sie im Halter aus.
„Zu viel Licht auf einmal“, erklärte sie augenzwinkernd.
„Mediation kann helfen“, fing Ator die Situation wieder ein.
Die geheime Formel
„Die Mediation sucht nach der Zufriedenheit aller“, sagte Ator. „Deshalb ermöglicht sie auch einen gesichtswahrenden Strategiewechsel. Sie nähert sich der Lösung nicht frontal, sondern von hinten. Sie entwickelt die Gedanken aus der Utopie, nicht der Dystopie.
„Das klingt irgendwie schlau“, murmelte Lord Blutahn.
„Keine Ahnung wie das gehen soll. Von hinten durch die Brust?“
„Der Gedanke, der alles zusammenführen kann“, erläuterte Ator ruhig, „erfordert einen Perspektivwechsel. Er muss eine höhere Ebene einnehmen, auf der alles zusammenkommt. Diese Ebene ist jenseits der Spaltung. Sie schließt Feindschaft aus“.
"Welche Ebene soll das sein?" fragten die Schatten ebenso ungläubig wie neugierig.
„Die Ebene, die alles zusammenführt, ist beispielsweise die eines Weltenretters“.
Ator machte eine kurze Pause.
Sein lautes Denken Ators verfing.25
Der Gedanke eines Weltenretters begann sich in den Köpfen der Beteiligten festzusetzen. Nicht als Eroberer, sondern als Vermittler. Als jemand, der bewundert wird, weil er Feindschaft überwindet, Nachbarschaft ermöglicht und einen Frieden bringt, der sich an Be-dürfnissen statt an Fähigkeit zur Vernichtung orientiert.
Der Gedanke verführte auch deshalb, weil dieser Lösungsansatz auf einer Vision be-ruhte, die die teilbar war. Dadurch wuchsen nicht nur die Erfolgschancen. Auch der mögliche Nutzen.
Medi lächelte.
„Das hört sich sehr sinnvoll an“, sagte sie anerkennend.
Wieder entzündete sich eine Kerze.
Diesmal hatte niemand etwas dagegen, dass sie weiter brennt.
Die Umsetzung
Schön und gut. Doch was half es, wenn die Schatten diese Erkenntnis gewonnen haben. Sie können nichts ändern. Aber vielleicht müssen sie das auch gar nicht.
„Die Suche nach Sinn“, sagte Medi leise, „ist die eigentliche Lichtquelle. Und diese Quelle verbreitet sich von selbst“.
Medi sah nachdenklich zu den Kerzen.
„Wir müssen nichts tun – außer den Sinn zu hinterfragen.“
Kaum gesagt, erkannte Medi, dass sich damit auch ihre eigene Sinnkrise auflöste. Sie hatte nach einer sinnvollen Aufgabe gesucht.
Jetzt hatte sie ihre Antwort.
Eine weitere Kerze entzündete sich.
„Ich möchte Menschen helfen“, sagte Medi leise. „Ihnen – und mir selbst – bei der Suche nach Bedeutung. Da gibt es viel zu tun in einer Welt, in der alles in Frage steht“
Ator legte ihr die Hand auf die Schulter.
„Zukunft gerettet“, sagte er leise.
„Was könnte uns besser vorbereiten als Mediation?“
Die beiden umarmten sich.
„Frohe Weihnachten“, flüsterten sie sich ins Ohr.
Draußen fiel leise der Schnee. In dieser Nacht, so sagt man, leuchteten die Sterne über dem Tal der Möglichkeiten heller als sonst – als hätte sich selbst im Himmel für einen Moment die Kerze der Mediation entzündet.
Arthur Trossen
Headerbild montiert auf Pixabay: Doomsday Apocalypse War Man (AI generiert / pixabay content license). Der Geschichtenzyklus wurde Weihnachten 2012 von Arthur Trossen eingeführt, der sich diese Geschichten nicht nur als ein anregendes Trainingsmaterial ausgedacht hat, sondern auch als eine Reflexion dessen, was und wie er das Mediationsgeschehen im Berichtsjahr schwerpunktmäßig wahrgenommen hat. Die 2. Staffel wird auf Wiki to Yes verwaltet.