Prozessintegration
Die Mediation wirkt, weil sie unterschiedliche Logiken zusammenführt.
Die Mediation vereint unterschiedliche Denk- und Handlungslogiken in einem strukturierten Verfahren. Die Prozessintegration beschreibt, wie diese Logiken und die ihnen zugrunde liegenden Subprozesse so zusammengeführt und aufeinander abgestimmt werden, dass sie in einem gemeinsamen Prozess wirksam werden.
Ein kleines Detail
Es mag zunächst irritierend erscheinen, die Mediation in ihre Einzelteile zu zerlegen, um sie anschließend wieder zu einem Ganzen zusammenzuführen. Ein vergleichbarer Ansatz findet sich in der Betrachtung der funktionalen Einheiten, bei der die Funktionalität einzelner Prozesse und Abläufe im Vordergrund steht.
Der Komplexität der Mediation wird man jedoch nicht gerecht, wenn man sie lediglich als eine einzelne Methode versteht, wie noch eine Definition der Mediation in dem Entwurf eines Gesetzes zur Neuregelung des Rechtsberatungsrechts im Jahre 2006 lautete.1 Tatsächlich handelt es sich um ein vielschichtiges Methodengefüge, dessen Bestandteile aufeinander abgestimmt werden müssen.
Genau an diesem Abstimmungsbedarf setzt die Prozessintegration an.
Die Prozessintegration bezeichnet die systematische Zusammenführung und Abstimmung unterschiedlicher Logiken und Subprozesse innerhalb eines Verfahrens. Gemeint ist die Fähigkeit, verschiedene Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsweisen so zu koordinieren, dass sie sich nicht widersprechen oder gegenseitig behindern, sondern ein kohärentes Ganzes bilden.
Die Subprozesse der Mediation
In der Mediation wirkt sich die Prozessintegration auf mehrere miteinander verschränkte Subprozesse aus, die sich in ihrer Funktion unterscheiden:
Diese Logiken unterstützen und strukturieren den Ablauf. Sie sind häufig bereits in den primären Logiken enthalten oder mit ihnen verschränkt.
Alle Logiken und Subprozesse folgen jeweils eigenen Regeln.
Ihre willkürliche Verknüpfung führt zu gedanklichen Brüchen, die sich oft nicht auflösen lassen.
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Die Zusammenführung
Die Verknüpfung der den Subprozessen innewohnenden Logiken kann auf unterschiedliche Weise erfolgen.
Addition und Integration
Zunächst unterscheidet sich die Prozessintegration von einer bloßen Aneinanderreihung oder Vermischung von Methoden. Bei einer Addition werden unterschiedliche Ansätze nebeneinander angewendet, ohne dass ihre Zusammenhänge geklärt sind. Dies kann zu Widersprüchen oder Blockaden führen. Bei der Integration hingegen werden die Logiken so aufeinander abgestimmt, dass jede Logik ihren funktionalen Platz erhält, Spannungen zwischen Logiken produktiv genutzt oder aufgelöst werden und ein konsistenter Gesamtprozess entsteht. Die Prozessintegration wirkt damit als Ordnungsprinzip, das die Kohärenz des Verfahrens sicherstellt.
Kombination und Koordination
Die unterschiedlichen Logiken sind ineinander verschachtelt. Gerade deshalb müssen sie so aufeinander abgestimmt werden, dass sie sich nicht gegenseitig behindern, sondern sich in ihrer Wirkung verstärken. Das geschieht durch Kombination und Koordination.
Die Relationierung
Alles zusammen ergibt das Zusammenspiel. Es lässt sich exemplarisch an den primären Prozesslogiken verdeutlichen:
- Prozesslogik: Die Prozesslogik beschreibt die Schritte und Rahmenbedingungen, unter denen erfolgreiche Verhandlungen möglich werden. Sie gibt den übergeordneten Gedankengang der Mediation vor. Er folgt im Groben der Phasenlogik. Die Prozesslogik verwirklicht sich, wen sie den Gedankengang ermöglicht, der die Erkenntnislogik verwirklicht. In der Abfolge bedeutet das, dass die Positionen werden vor den Motiven und diese vor den Lösungen eingearbeitet werden.
- Themenlogik: Die Themenlogik strukturiert den Konfliktstoff und überführt Positionen in bearbeitbare Fragestellungen. Sie schafft den Zugang zur Konfliktbearbeitung innerhalb der Prozesslogik. Mithin ordnet sich die Themenlogik in die Prozesslogik einerseits und in die Konfliktlogik andererseits ein. Die Themenlogik verwirklicht sich, wenn sie die Positionen neutralisiert und die Konflikte zugänglich macht.
- Konfliktlogik: Die Konfliktlogik ermöglicht es, mit statt gegen den Konflikt zu arbeiten. Sie macht die Dynamik nutzbar, anstatt sie zu unterdrücken. Sie verschiebt den Fokus auf die Selbsterkenntnis und versucht, die Konfliktenergie in eine Gedankenenergie umzuwandeln. Damit legt sie die Entsprechung mit der Erkenntnislogik nahe.
- Erkenntnislogik: Die Erkenntnislogik verwirklicht den Gedanken, dass die Mediation ein Prozess der Verstehensvermittlung ist. Sie stellt sicher, dass die zum Verstehen erforderlichen Einsichten gewonnen werden und die Schritte aufeinander aufbauen.
Prozessintegration als Kompetenz
Die Prozessintegration sollte nicht dem Zufall überlassen bleiben. Entscheidend ist, dass der Mediator versteht, wie die Mediation diese Abstimmung leistet. Ihr kommt es darauf an:
- die Prozesse zu strukturieren
- ihre Reihenfolge festzulegen
- ihre Wechselwirkungen zu steuern
Wer die Prozessintegration beherrscht, verfügt über den zentralen Steuerungsmechanismus der Mediation.
Für den Mediator ist sie daher eine Schlüsselkompetenz. Sie erfordert:
- die Fähigkeit, unterschiedliche Logiken zu erkennen
- das Verständnis ihrer jeweiligen Wirkungsweise
- die Fähigkeit, sie situativ aufeinander abzustimmen
Der Mediator bewegt sich dabei auf einer Metaebene. Er steuert nicht die Inhalte, sondern die Logik des Vorgehens.
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Bedeutung für die Mediation
Die Prozessintegration hilft Widersprüche im Vorgehen zu vermeiden, die passende Bearbeitungstiefe zu bestimmen, unterschiedliche Anforderungen in Einklang zu bringen und die Qualität der Konfliktbeilegung zu sichern. Sie ist damit eine zentrale Voraussetzung für eine nachhaltige und vollständige Konfliktlösung, mit der sich die Kompetenz der Mediation erschließt.
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