Hypothesen
Datensatz-ID: 13182
Bezeichnung: Hypothese
Verzeichnisse: Allgemein, Werkzeuge
Verwendung:
Fachbuch: Wahrnehmung
Siehe auch:
Die Hypothesenbildung ist mehr als nur eine Technik der Mediation. Sie ist auch eine Einstellung und deshalb ein Haltungsmerkmal.
Hypothesen sind unbestätigte Annahmen über einen Sachverhalt oder eine Person. In der Mediation helfen sie bei der Konfliktanalyse, bei der Wahl der passenden Intervention und der Vermeidung von Interpretation.
Konfliktanalyse
Die Mediation beginnt mit spärlichen Informationen. Es geht um die Konfliktbearbeitung, also steht der Konflikt im Fokus. Um zu entscheiden, was zu bearbeiten ist, müssen der Mediator und die Parteien verstehen, was genau der Konflikt ist. Die Parteien sind zu Beginn kaum in der Lage, den Konflikt zu benennen.
Das Beispiel zeigt, dass es den Parteien oft nicht zu Beginn der Mediation möglich ist, sich zu dem Konflikt zu bekennen oder gar ihn zu benennen. Trotzdem muss der Mediator einschätzen können, in welche Richtung er zuarbeiten hat. Er bedient sich der Konflikthypothese. D. h. der Versuch sich aus den Informationen der Parteien an Bild zu malen das ihm hilft den Konflikt zu identifizieren. Technisch bedient er sich dabei der Konfliktlandkarte. Er weiß, dass die dort identifizierten Konflikte nur auf Annahmen beruhen, die sich im Lauf des weiteren Gesprächs durchaus wieder verändern können.
Intervention
Die Intervention beschreibt eine Maßnahme, mit der sich ein Hindernis im Verfahren oder in der Einbeziehung einer Partei überwinden lässt. Ausschlaggebend sind also Phänomene, die eine Maßnahme erfordern. Die Frage, welche Maßnahme hilfreich ist, hängt davon ab, wie das Phänomen verstanden wurde. Das erfordert eine Bewertung, zu der der Mediator oft kaum in der Lage ist. Auch hier bildet er Hypothesen, die die Bedeutung des Phänomens erschließen und Anhaltspunkte für seine Überwindung liefern. Wiki to Yes stellt mit dem Interventionenfinder eine Hilfe bei der Auswahl von möglichen Interventionen zur Verfügung.
Interpretationen
Die Bedeutung der Hypothesenbildung lässt sich am nachfolgenden Videobeispiel erkenne. Was sehen Sie und wie schätzen Sie die Situation ein?
Menschen neigen zu schnellen Bewertungen. Und dann gibt es den fundamentalen Attributionsfehler. "Arrogante Frau", denken Sie vielleicht. Erst nachher zeigt sich, dass diese Interpretation falsch ist. Um solche Fehlinterpretationen zu vermeiden bietet es sich an, mehrere Hypothesen (mögliche Interpretationen) zu überlegen. Schon verhindert man eine Festlegung. Wenn der Mediator die personifizierte Metaebene ist, sollte er sich davon befreien. Es gelingt, indem er zu jeder Beobachtung oder Wahrnehmung mehrere Hypothesen bildet.
Bevor Sie sich zu Bewertungen hinreißen lassen, sollten Sie immer mehrere Hypothesen zu bilden. Das sind wilde Annahmen, die ihre Beobachtung erklären könnten. Selbst wenn sie nicht sehr wahrscheinlich sind, helfen Sie, das Bild zu relativieren. Im Idealfall führen sie sogar dazu, dass sie sich gar keine Meinung unter Interpretation mehr erlauben können, weil ihnen Informationen fehlen.
Leitsatz 4870 - Sie schützen sich vor vorschnellen Interpretationen (Bewertungen), indem Sie mindetens zwei Hypothesen bilden, die die Situation, das Verhalten oder die Äußerung erklären können.
Bedeutung für die Mediation
Die Hypothesen verhindern vorschnelle Bewertungen und erlauben es trotzdem, den gedanklichen Fokus auf ein Problem auszurichten. Wichtig ist das der Mediator in der Lage ist, seine Hypothesen sofort zu verwerfen, wenn sich andere Anhaltspunkte ergeben. Mitunter kann er die Hypothese noch offenlegen und mit den Parteien erörtern.
Was tun wenn ...
- Voreilige Interpretation der Körpersprache
- Der Mediator bringt eigene Bewertungen ein
- Der Mediator stellt das Gesagte nicht in Frage
- Weitere Empfehlungen im Fehlerverzeichnis oder im Ratgeber
Alias: Konflikthypothese, Interpretation, Hypothese
Siehe auch: Empathie