Gefangenendilemma
Strategische Überlegungen spielen in der Mediation eine große Rolle.
Ein berühmtes Beispiel, das als mathematisches Spiel in der Spieltheorie verwendet wird,1 ist das sogenannte Gefangenendilemma. Es dient zugleich als Modell für eine Paradoxie, eine strategische Herausforderung und für Entscheidungsverhalten unter Unsicherheit.
Im Kern betrifft das Gefangenendilemma die Frage, ob es klug ist, sich ohne Garantie auf freiwillige Kooperationen einzulassen. Für jeden der beiden Gefangenen wäre es individuell die beste Lösung, auszusagen, während der andere schweigt. Diese Konstellation ist jedoch zugleich die unwahrscheinlichste. Die beste Lösung unter Berücksichtigung des Verhaltens des anderen wäre daher die gemeinsame Aussageverweigerung. Sie setzt allerdings voraus, dass der jeweilige Gegner als hinreichend klug eingeschätzt wird, das strategische Problem zu erkennen und entsprechend zu handeln. Da diese Einschätzung unsicher ist, erscheint es aus individueller Sicht rationaler, selbst auszusagen.
Differenzierung erforderlich
Das Gefangenendilemma wird häufig als Paradigma für das Handeln in sozialen Beziehungen interpretiert.2 Dabei geht es jedoch nicht allein um Vertrauen oder die Einhaltung sozialer Normen, sondern ebenso um Wahrscheinlichkeiten, Risikoabwägungen und die Neigung, Unsicherheit zu vermeiden.
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Das klassische Gefangenendilemma
Im klassischen Gefangenendilemma treffen zwei Akteure eine einmalige Entscheidung: Sie können kooperieren (schweigen) oder verraten (egoistisch handeln). Aus individueller Perspektive ist der Verrat rational, da er unabhängig vom Verhalten des anderen die sicherere Option darstellt. Das Ergebnis ist das sogenannte Nash-Gleichgewicht: Beide Akteure verraten sich gegenseitig und erhalten eine hohe Strafe, obwohl sie gemeinsam deutlich besser dastünden, wenn sie kooperiert hätten.
Die Kernaussage des klassischen Modells lautet daher: Individuell rationales Verhalten kann zu einem kollektiv schlechten Ergebnis führen. Kooperation wäre vorteilhaft, ist aber mit einem Risiko verbunden. Dieses Denkmodell wurde auf zahlreiche gesellschaftliche Fragestellungen übertragen, etwa auf Umweltverhalten, Steuerzahlungen oder Aufrüstung, was häufig zu problematischen Schlussfolgerungen führt, da das Modell systematisch Nicht-Kooperation nahelegt.
Das interaktive (iterative) Gefangenendilemma
Das interaktive oder iterative Gefangenendilemma verändert eine zentrale Annahme des klassischen Modells. Die Entscheidung wird nicht nur einmal, sondern wiederholt getroffen. Die Akteure begegnen sich mehrfach, erinnern sich an vergangenes Verhalten und können darauf reagieren. Dadurch entsteht ein Dialog über die Zeit anstelle einer isolierten Einzelentscheidung.
Typische Entscheidungssituationen sind etwa Rücksicht nehmen oder sich durchsetzen, kooperieren oder egoistisch handeln, Vertrauen aufbauen oder zerstören. Entscheidend ist, dass vergangenes Verhalten zukünftige Entscheidungen beeinflusst und damit neue strategische Möglichkeiten eröffnet.
Strategische Optionen im iterativen Gefangenendilemma
Im iterativen Gefangenendilemma existiert keine einfache Entweder-oder-Logik mehr. Stattdessen stehen vielfältige Strategien zur Verfügung. Dazu zählen unter anderem durchgehend egoistische („böse“) Strategien, durchgehend kooperative („nette“) Strategien, zufällige Strategien, nachtragende Strategien, bei denen ein einmaliger Verrat dauerhaft sanktioniert wird, sowie durchschnittsorientierte Strategien.
Besondere Bedeutung kommt der reziproken Strategie „Wie du mir, so ich dir“ zu. Der Erfolg einer Strategie hängt dabei nicht absolut, sondern relational davon ab, gegen welche andere Strategie sie eingesetzt wird. Eine Strategie kann gegen bestimmte Gegner sehr erfolgreich sein und gegen andere vollständig versagen.
Das Axelrod-Turnier: Kooperation schlägt Egoismus
Im Jahr 1980 organisierte der Politikwissenschaftler Robert Axelrod ein Turnier, in dem rund 60 verschiedene Strategien im iterativen Gefangenendilemma gegeneinander antraten. Sieger des Turniers war die Strategie „Wie du mir, so ich dir“ (Tit for Tat).
Diese Strategie beginnt kooperativ, reagiert konsequent auf das Verhalten des Gegenübers, vergibt nach erneuter Kooperation und ist zugleich einfach und transparent. Das zentrale Ergebnis des Turniers war, dass im wiederholten Spiel Kooperation langfristig erfolgreicher ist als egoistisches Verhalten.
Vier Erfolgsprinzipien kooperativer Strategien
Aus der Analyse der Turnierergebnisse lassen sich vier gemeinsame Merkmale erfolgreicher Strategien ableiten: Sie verraten nicht als Erste, reagieren auf das Verhalten des anderen, versuchen nicht systematisch zu dominieren und vermeiden unnötig komplexe Entscheidungsregeln. Kurz gesagt: Erfolgreich ist, wer nett, reaktiv, nicht nachtragend und nicht überkompliziert handelt.
Zusammenfassend zeigt das klassische Gefangenendilemma, warum Kooperation schwierig ist, während das interaktive Gefangenendilemma erklärt, wie Kooperation entstehen und stabil bleiben kann. Wiederholung, Erinnerung und Reaktion verändern die Entscheidungslogik grundlegend. Kooperation erweist sich dabei nicht als moralischer Luxus, sondern als evolutionär und strategisch sinnvolle Option. Nicht der klügste Egoismus setzt sich durch, sondern verlässliche Reziprozität.
Bedeutung für die Mediation
In der Mediation wird das Gefangenendilemma häufig als Beleg für den Vorteil kooperativen Verhaltens herangezogen. Könnten sich die Gefangenen absprechen, wären sie in der Lage, das für beide beste Ergebnis zu erzielen. Diese Logik gilt jedoch nur, solange die Interessen des Staates unbeachtet bleiben. Werden die Interessen der Strafverfolgung einbezogen, führt die belastende Aussage zumindest rechnerisch zum besten individuellen Ergebnis.
Erweitert man den Betrachtungsrahmen zusätzlich um die Interessen der Opfer, entsteht ein nochmals veränderter Entscheidungsraum. In dieser Perspektive belegt das Gefangenendilemma vor allem mathematische Überlegungen. Sobald Interessen systematisch einbezogen werden, eröffnen sich weitere Optionen, die weniger über Kooperation aussagen als über den Grad der Entscheidungsreife der beteiligten Akteure.
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Alias: Gefangene, Axelrod-Turnier
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