Zirkuläres Fragen
Die Fragetechnik spielt eine wichtige Rolle bei der Sichtveränderung und dem Erkenntnisgewinn.
Zirkuläres Fragen ist eine Fragetechnik, die aus der systemischen Therapie stammt und sich als äußerst wirksam in der Mediation erwiesen hat. Ihr Kern liegt nicht in der Inhalts-, sondern in der Prozessebene. Während lineare Fragen („Wer hat was getan?“) nach Fakten und Schuld suchen, zielt zirkuläres Fragen darauf ab, das Beziehungsgeflecht, die wechselseitigen Wahrnehmungen, Erwartungen und Wirkungen zwischen den Konfliktparteien sichtbar zu machen.
Eine systemische Methode
Die Methode basiert auf der grundlegenden systemischen Prämisse: Die Wirklichkeit ist nicht objektiv, sondern wird durch Beobachtung und Kommunikation sozial konstruiert. Ein Konflikt ist demnach kein statischer Zustand, sondern ein sich ständig reproduzierendes kommunikatives Muster. Zirkuläre Fragen unterbrechen dieses Muster, indem sie die Parteien zwingen, die Situation aus einer Meta-Perspektive zu betrachten.
Herkunft und theoretische Grundlagen
Die Methode wurde maßgeblich von der Mailänder Gruppe um die Psychiater Luigi Boscolo und Gianfranco Cecchin in den 1970er und 1980er Jahren entwickelt. Sie baut auf den Grundpfeilern der Systemtheorie, des Radikalen Konstruktivismus (Ernst von Glasersfeld, Heinz von Foerster) und der Theorie sozialer Systeme (Niklas Luhmann) auf.
- Systemische Therapie (Mailänder Modell): Boscolo und Cecchin nutzten zirkuläre Fragen, um die "familiären Spielregeln" und die damit verbundenen Symptome eines Patienten im Kontext des gesamten Familiensystems zu verstehen. Die Frage „Was glauben Sie, was Ihr Vater denkt, warum Ihre Mutter so oft traurig ist?“ ist ein klassisches Beispiel. Sie zielt nicht auf eine "richtige" Antwort, sondern deckt Beziehungs-Hypothesen und -Muster auf.
- Radikaler Konstruktivismus: Dieser Ansatz besagt, dass jeder Mensch sich seine eigene, subjektive Wirklichkeit konstruiert. Es gibt keine objektive "Wahrheit", die es zu finden gilt, sondern nur passendere oder weniger passende Sichtweisen. Zirkuläre Fragen machen diese verschiedenen Konstruktionen explizit und vergleichbar.
- Kybernetik zweiter Ordnung: Der Mediator verlässt die Position des allwissenden Experten (Kybernetik erster Ordnung) und wird zum Beobachter des Beobachters. Er befragt das System, ohne es direkt zu steuern, und regt damit Selbstreflexionsprozesse an.
Anwendung in der Mediation: Ziele und Prinzipien
In der Mediation dient zirkuläres Fragen primär der Dekonstruktion starrer Konfliktmuster und der Generierung neuer Sichtweisen. Die Hauptziele sind:
1. Sichtbarmachung von Wechselwirkungen: Den Parteien wird bewusst, dass ihr Verhalten nicht isoliert, sondern in ständiger Reaktion auf das andere steht („Wenn A dies tut, dann reagiert B mit jenem“).
2. Relativierung der eigenen Position: Indem man die Perspektive des anderen einnimmt (oder über diese spekuliert), wird die eigene Sichtweise als eine von mehreren möglichen erkennbar.
3. Unterbrechung von Zuschreibungsmustern: Fragen wie „Warum ist Ihr Gegenüber Ihrer Meinung nach so unnachgiebig?“ ersetzen direkte Vorwürfe und unterbrechen den Teufelskreis aus Anschuldigung und Verteidigung.
4. Ressourcenorientierung: Indirekt werden oft auch positive Absichten, gemeinsame Werte oder bisher ungenutzte Lösungsmöglichkeiten aufgedeckt.
Grundprinzipien der Fragestellung:
· Triadisierung: Die Frage bezieht immer eine dritte Position mit ein (die andere Partei, einen Außenstehenden, die Zukunft/Vergangenheit).
· Hypothesenbildung: Der Mediator formuliert Fragen basierend auf einer inneren Hypothese über das Konfliktmuster und testet diese so.
· Neutralität & Allparteilichkeit: Die Fragen sind so formuliert, dass sie keine Partei bevorzugen oder bewerten.
· Zirkularität: Die Antworten der einen Partei werden aufgegriffen und der anderen Partei in einer neuen, zirkulären Frage vorgelegt.
4. Beispiele für zirkuläre Fragen in der Mediation
Die Fragen lassen sich nach ihrem Fokus kategorisieren:
a) Fragen nach Unterschieden und Beziehungen:
· „Wer ist Ihrer Meinung nach in Ihrem Team am meisten an einer Lösung interessiert?“
· „Wenn Ihr Geschäftspartner jetzt hier sitzen würde, was würde er als das größte Hindernis für eine Einigung benennen?“
· „Wie unterscheidet sich die Art, wie Sie Konflikte angehen, von der Art Ihres Gegenübers?“
b) Fragen nach der Wirkung (Zirkularität im engeren Sinne):
· „Was tun Sie, wenn Ihr Gegenüber sich zurückzieht? Und was passiert dann, Ihrer Beobachtung nach, bei ihm/ihr?“
· „Wenn Sie so laut werden, wie reagiert dann Ihre Kollegin? Und was löst diese Reaktion wiederum bei Ihnen aus?“
· „Wenn Sie einen Schritt auf sie zugehen würden – was müsste sie Ihrer Meinung nach tun, damit Sie das für ernst gemeint halten?“
c) hypothetische und zukunftsorientierte Fragen:
· „Angenommen, Sie wachen morgen auf und der Konflikt ist wie durch ein Wunder gelöst. Woran würden Sie das zuallererst merken? Was würde Ihr Gegenüber anders machen?“
· „Was würden Ihre Kunden sagen, was die vernünftigste Lösung für Sie beide wäre?“
· „Wenn Sie in einem Jahr zurückblicken: Was war der entscheidende Schritt, der Sie beide aus dieser Sackgasse geführt hat?“
d) Fragen nach Wahrnehmungen und Bewertungen:
· „Wer hat Ihrer Einschätzung nach in dieser Sache schon die größten Kompromisse gemacht?“
· „Wie erklären Sie sich, dass Ihr Gegenüber Ihre Angebote stets als unzureichend empfindet?“
5. Wirkung und Wirkmechanismen
Die Wirkung von zirkulären Fragen entfaltet sich auf mehreren Ebenen:
1. Kognitive Dissonanz und Irritation: Die ungewohnte Fragetechnik durchbricht automatisierte Denk- und Antwortmuster. Sie zwingt zum Innehalten und Nachdenken.
2. De-Eskalation: Indem nicht direkt konfrontiert, sondern über Dritte gesprochen wird, sinkt die emotionale Anspannung. Der Fokus verschiebt sich vom „Du“ zum „Wir im System“.
3. Erweiterung des Problemrahmens (Reframing): Der Konflikt wird nicht mehr als linearer Ursache-Wirkungs-Zusammenhang, sondern als komplexes, zirkuläres Muster verstanden. Dies öffnet den Raum für neue, bisher ungedachte Lösungen.
4. Förderung von Empathie und Verständnis: Auch wenn es nur eine Vermutung ist: Die Aufforderung, sich in den anderen hineinzuversetzen, schafft oft erstmals ein Verständnis für dessen Motive und Zwänge.
5. Entlastung und Empowerment: Die Erkenntnis, Teil eines Musters zu sein, kann entlastend wirken, da die Schuldfrage in den Hintergrund tritt. Gleichzeitig erkennen die Parteien ihre eigene Agency, also ihre Fähigkeit, das Muster durch verändertes Verhalten zu durchbrechen.
6. Chancen und Grenzen der Methode
Chancen:
· Tiefenwirkung: Sie adressiert die zugrundeliegenden Beziehungsdynamiken, nicht nur die Oberfläche.
· Hohe Effizienz: Oft führen wenige, gut platzierte zirkuläre Fragen zu entscheidenden Wendungen im Mediationsverlauf.
· Universalität: Die Methode ist in nahezu allen Mediationsfeldern (Familie, Wirtschaft, Nachbarschaft) anwendbar.
· Stärkung der Allparteilichkeit: Der Mediator fragt alle im selben Stil und vermeidet so Parteinahme.
Grenzen und Gefahren:
· Künstlichkeit und Widerstand: Die ungewohnten Fragen können als befremdlich, manipulierend oder „psychospielerisch“ empfunden werden. Es kann zu Widerstand oder Verweigerung kommen.
· Überforderung: In hoch eskalierten oder stark emotionalisierten Phasen sind die Parteien kognitiv nicht in der Lage, komplexe zirkuläre Fragen zu beantworten. Hier sind empathische, klärende Fragen zunächst angemessener.
· Missverständnisse: Die indirekte Sprache kann zu Missverständnissen führen. Der Mediator muss sicherstellen, dass die Frage verstanden wurde.
· Hohe Anforderung an den Mediator: Er muss das systemische Denken verinnerlicht haben, in Hypothesen denken können und ein sicheres Gespür für Timing und Dosierung besitzen.
7. Missbrauch und ethische Implikationen
Wie jedes mächtige Werkzeug ist auch das zirkuläre Fragen anfällig für Missbrauch. Ethische problematische Anwendungen sind:
· Manipulation statt Exploration: Wenn der Mediator die Fragen nutzt, um die Parteien in eine von ihm präferierte Richtung zu lenken, anstatt ihnen zu helfen, ihre eigenen Lösungen zu finden. Dies verstößt gegen das Prinzip der Allparteilichkeit und der Eigenverantwortung der Parteien.
· Machtausübung und Arroganz: Der Mediator positioniert sich als "rätselhafter Weiser", der die "wahren Muster" durchschaut, während die Parteien ahnungslos sind. Dies zerstört die vertrauensvolle Arbeitsbeziehung.
· Emotionale Verletzung: Unbehutsam platzierte Fragen können tiefsitzende Ängste oder Verletzungen berühren und retraumatisierend wirken (z.B. in Täter-Opfer-Konstellationen).
· Verschleierung: Die komplexe Sprache kann dazu dienen, eigene Unsicherheit oder inhaltliche Unkenntnis des Mediators zu verschleiern.
Ethischer Imperativ: Die Anwendung zirkulärer Fragen erfordert stets eine Haltung des Respekts, der Transparenz (Erklärung der Methode im Vorfeld) und der professionellen Kompetenz. Der Mediator muss seine Hypothesen stets als vorläufig betrachten und bereit sein, sie fallenzulassen.
8. Fazit
Zirkuläres Fragen ist weit mehr als eine bloße Technik. Es ist Ausdruck einer systemisch-konstruktivistischen Haltung, die Konflikte als Ausdruck kommunikativer Muster in sozialen Systemen begreift. In der Hand eines erfahrenen, reflektierten und ethischen Mediators ist es ein unvergleichlich wirksames Instrument, um festgefahrene Konfliktdynamiken zu lösen, gegenseitiges Verständnis zu fördern und nachhaltige, von den Parteien selbst entwickelte Lösungen zu ermöglichen. Es erinnert uns daran, dass die Qualität der Fragen oft entscheidender ist für eine Lösung als die Suche nach den richtigen Antworten.
Weiterführende Literatur:
· Boscolo, L., Cecchin, G., Hoffman, L. & Penn, P. (1988). Die Mailänder Familie. Systemische Therapie und Beratung.
· Fürst, K. (2018). Zirkuläres Fragen. Systemische Therapie in Fallbeispielen: Ein Lehrbuch.
· Schlippe, A. v. & Schweitzer, J. (2016). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I.
Siehe auch:
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