Die Wahrheit und die Wirklichkeit
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Es geht um die Frage, was zu verstehen ist, um eine Lösung zu finden und welche Rolle die Wahrheit dabei spielt.
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Zum Thema » Die Frage nach der Wahrheit ist ein hochkomplexes philosophisches Problem. Sie spielt aber auch in der Mediation eine wichtige Rolle, besonders, wenn die Parteien sich darauf berufen und genau wissen, was wahr und falsch ist. Die Wahrheit ist vielschichtig. Der Mediator sollte die Unterschiede kennen und wissen, wie damit umzugehen ist. Die Begriffe Wahrheit, Wirklichkeit und Realität werden oft synonym verwendet und dennoch unterscheiden sie sich. In der Mediation müssen wir noch die Fakten und die Bedeutungen einordnen. Dann gibt es noch den Begriff der Informiertheit, der eher darauf hindeutet, wie mit der Wahrheit umzugehen ist. Der folgende Hinweis mag die Besonderheit herausstellen, die der Wahrheit in der Mediation zukommt:
Leitsatz 17471 - Die Mediation hinterfragt die Wahrheit nicht um sie zu begründen, sondern um sie einvernehmlich neu gestalten zu können.
Abgrenzungsbedarf
Die nachfolgende Zusammenstellung soll dazu beitragen, die Wahrheit, Wirklichkeit und Realität und andere einschlägige Bezeichnungen gegeneinander abzugrenzen:
| Begriff | Erläuterung | Formel |
|---|---|---|
| Realität | Der Begriff Realität wird häufig mit Wirklichkeit übersetzt. Er leitet sich vom lateinischen res (die Sache) ab. Gemeint ist die Gesamtheit des Realen, also alles, was bereits verwirklicht ist – unabhängig davon, ob es wahrgenommen oder erkannt wird. Das Gegenteil der Realität ist das Potenzial, also das, was möglich, aber noch nicht realisiert ist. | ➡️ Realität beschreibt das Sein. |
| Wirklichkeit | Die Wirklichkeit bezeichnet das, was wirkt oder wirksam wird. Sie ist das, was wir wahrnehmen, erleben und erfahren. Wirklichkeit entsteht dort, wo Realität auf ein wahrnehmendes Subjekt trifft. Ihr Gegenteil ist die Unwirklichkeit. Die Wirklichkeit ist daher subjektiv geprägt: Sie ist unsere erfahrbare, sinnlich vermittelte Begegnung mit der Realität – das, was auf uns einwirkt. | ➡️ Wirklichkeit beschreibt das Erleben der Realität. |
| Erkenntnis | Erkenntnis ist sowohl der Prozess des Verstehens als auch das Ergebnis dieses Prozesses. Sie entsteht, indem wir Wahrnehmungen interpretieren, Hypothesen bilden, diese mit Vorwissen abgleichen und zu Schlussfolgerungen gelangen. Erkenntnis ist damit keine Realität selbst, sondern eine kognitive Konstruktion: eine „Landkarte“, die wir uns von der Wirklichkeit zeichnen. | ➡️ Erkenntnis beschreibt das Verstehen der Wirklichkeit. |
| Fakten | Fakten sind beobachtbare, überprüfbare und intersubjektiv nachvollziehbare Teile der Wirklichkeit. Sie sind unabhängig von Meinungen, Deutungen oder Bewertungen. Fakten beantworten das Was, nicht jedoch das Warum, Wozu oder Was es bedeutet. | ➡️ Fakten sind die Bausteine, aus denen Erkenntnis gebildet wird. |
| Wahrheit | Wahrheit ist die Übereinstimmung zwischen Erkenntnis und Realität. Ihr Gegenteil ist das Unwahre oder die Illusion. Nach Immanuel Kant kann ein Gegenstand „an sich“ nicht wahr sein. Dinge lösen Sinneseindrücke aus, aus denen Erkenntnisse entstehen. Wahrheit entsteht erst dann, wenn diese Erkenntnisse der Realität zutreffend zugeordnet werden. | ➡️ Wahrheit beschreibt die Passung zwischen Erkenntnis und Realität. |
| Bedeutung | Bedeutung ist die Sinnzuschreibung, die ein Mensch einem Sachverhalt, einer Wahrnehmung, einer Erkenntnis oder einer Wahrheit beimisst. Sie entsteht nicht aus der Realität selbst, sondern aus dem Zusammenspiel von Erfahrung, Kontext, Wertvorstellungen, Emotionen und Interessen. Mehrere Menschen können dieselben Fakten erkennen und dieselbe Wahrheit akzeptieren – ihnen aber unterschiedliche Bedeutungen beimessen. | ➡️ Bedeutung beantwortet nicht die Frage ob etwas wahr ist, sondern was es für mich heißt. |
| Informiertheit | Informiertheit ist die Kenntnis relevanter Entscheidungsgrundlagen. Sie setzt voraus, dass Informationen korrekt, zugänglich und verständlich sind. Informiertheit ist keine Wahrheit, sondern die Voraussetzung für verantwortliche Erkenntnis, Bewertung und Entscheidung. | ➡️ Informiertheit beschreibt den Zugang zu Wissen, nicht dessen Bewertung. |
Hao Bu verwendet ein anschauliches Beispiel, um die Unterschiede zwischen Wahrheit, Wirklichkeit und Realität herauszustellen:1
Definition wahr und Wahrheit
Der Begriff wahr leitet sich vom althochdeutschen wâr ab und bedeutete ursprünglich verlässlich, echt, treu und glaubwürdig. Damit war „wahr“ zunächst weniger eine Frage der objektiven Faktentreue, sondern eine Frage des Vertrauens: Wahr war das, worauf man sich verlassen konnte. Erst später wurde daraus im philosophischen und wissenschaftlichen Denken die heute geläufige Bedeutung, nach der „wahr“ das bezeichnet, was mit der Wirklichkeit übereinstimmt.2
Die eher philosophisch angelegte, klassische Definition von Wahrheit findet sich schon bei Aristoteles. Sie ist demnach die Übereinstimmung von „Sache“ (Sachverhalt) und „Wort“ (Benennung). Es geht also um die Übereinstimmung von Aussagen oder Urteilen mit einem Sachverhalt, einer Tatsache oder der Wirklichkeit im Sinne einer korrekten Wiedergabe.3 Schon Peirce hatte auf die Perspektivenabhängigkeit der Wahrnehmung hingewiesen und bei der Frage nach der Übereinstimmung von Sache und Benennung den Interpretanten eingeführt, woraus das semiotische Dreieck entstanden war, das aus folgenden Eckpunkten besteht:4
- Signifikat: die Sache oder etwas, das bezeichnet werden soll (das Bezeichnete)
- Signifikant: das bezeichnende Wort (das Bezeichnende) und
- Interpretant: die Position von der aus diese Übereinstimmung betrachtet wird.
Mithin belegt schon die Semiotik, dass die Wahrheit relativ ist. Und so verhält es sich auch mit der Beurteilung der Frage, was richtig oder wahr und falsch oder unwahr ist. Wenn die Wahrheit einen Realitätsbezug aufweist, kommt die Wirklichkeit ins Spiel. Und hier stellt sich die gleiche Frage.
Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
Die Frage nach der Wirklichkeit beantwortet der radikale Konstruktivismus auf eine verblüffende Art und Weise. Er geht davon aus, dass wir Menschen die Welt nicht VORfinden, sondern dass wir sie ERfinden. Die völlige Subjektivität der Wahrnehmung ist das Radikale im Konstruktivismus. Watzlawick erläutert diesen Gedanken anhand von Beispielen. Er beschreibt die Relativität der Wahrnehmung, besonders im menschlichen Beziehungsgefüge. Die Bedeutung einer Handlung, eine der wichtigsten Fragen in der Mediation, bleibt unserer Wahrnehmung verschlossen.
Dieses Video zeigt einen Vortrag von Paul Watzlawick. Es handelt sich um die aufgezeichnete Sendung Nachstudio von Radio Kultur. Die Aufzeichnung erfolgte in der ersten Hälfte der 90-er Jahre. Es geht um die Frage, wie wir uns die Welt erfinden. Möglicherweise geht es nur darum, die Wirklichkeit anders wahrzunehmen und zu bewerten. Watzlawick weist in seinem Vortrag darauf hin, dass er sich als Therapeut letzten Endes immer mit der Art und Weise auseinanderzuetzen hat, wie Menschen mit der Wirklichkeit fertig werden oder fertig zu werden versuchen oder an ihr scheitern und wie verschiedenste Annahmen im Scheinbar für die wahre Wirklichkeit gehalten werden und dann bei ihrem Zusammenbrechen eben jene Zustände erzeugen für die sich die Psychotherapie zuständig hält, ohne es wirklisch zu sein. Grundlage ist die Annahme, dass die Vorstellung von Realität stets ein Produkt der persönlichen Wahrnehmung sei, die basierend auf Erfahrungen erfolgt und durch Einschätzungen geprägt wird. Der Konstruktivismus geht davon aus, dass die Wahrheit erfunden und nicht gefunden wird.
Leitsatz 4361 - Da uns eine Wahrnehmung über die Unvollständigkeit der Wahrnehmung fehlt, müssen wir uns auf andere Weise eine Klarheit darüber verschaffen, welche Wahrnehmung fehlt oder fehlerhaft ist.
Diese wichtige Erkenntnis wird zu einem entscheidenden Argument für das Verständnis anderer Menschen und die Erklärung menschlichen Handelns. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil der Mediationsarbeit. Sie mag erklären, wie es sein kann, dass zwei Parteien das dieametral Entgegengesetzte behaupten und jede Partei sich im Recht fühlt, weil sie die Wahrheit doch kennt. Die Selektion der Wahrnehmung spielt dabei eine wichjtige Rolle. Sie hat System.
Leitsatz 4362 - Das Bild, das sich die Menschen von der Wirklichkeit machen, ist immer durch deren Eindrücke, deren Persönlichkeit und deren Geisteszustand geprägt.
Die Wirklichkeit ist im wörtlichen Sinne unbegreiflich und deshalb immer nur ein individuell theoretisches Konstrukt. Alles was wir wahrnehmen wird auf dieses Konstrukt bezogen. Das Phänomen der unterschiedlichen Wirklichkeiten und ihrer Beziehung zu Kommunikationsvorgängen beschreibt die folgende Parabel:
Es gibt keine absolute Wirklichkeit. Stattdessen gibt es nur subjektive, zum Teil völlig widersprüchliche Auffassungen von der Wirklichkeit. Die Annahme, dass die eigene subjektive Wirklichkeit der "wirklichen" Wirklichkeit entspricht, ist ebenso unergiebig wie riskant. Watzlawick hat die wahrnehmbare Wirklichkeit in 2 Ordnungen eingeteilt:
- Wirklichkeit 1. Ordnung
- Es handelt sich um Wirklichkeitsaspekte, die auf dem Konsens der Wahrnehmung der Beteiligten und auf experimentellen, wiederholbaren und daher verifizierbaren Nachweisen beruhen. Die Wirklichkeit 1. Ordnung ist mit naturwissenschaftlichen Methoden in physikalischchemischen Kategorien eindeutig beschreibbar.
- Wirklichkeit 2. Ordnung
- Welche Bedeutung und welchen Wert im weitesten Sinne Tatsachen, Fakten oder Gegenstände, der Wirklichkeit 1. Ordnung einzunehmen haben, ist von deren Wirklichkeit 1. Ordnung völlig verschieden und keineswegs eindeutig festgelegt. Die Bedeutung ist in hohem Maße subjektiv und arbiträr. Insofern gibt es von ein und derselben Sache sehr viele Wirklichkeiten 2. Ordnung, von denen jede subjektiv und für sich gesehen "wirklich" ist. Die subjektive Wirklichkeit dieser Ordnung ist so überzeugend wirklich, dass die Tatsache mehrerer verschiedener Wirklichkeiten schnell geleugnet wird.
Da die subjektive Wirklichkeit der 2. Ordnung ausschlaggebend für die Bedeutung der Wahrnehmungen ist, wird diese Wirklichkeit auch die Bedeutungswirklichkeit genannt. Das Herausarbeiten der hinter den Aussagen der Medianden verborgenen, unterschiedlichen Bedeutungswirklichkeiten ist eine der wichtigsten Aufgaben des Mediators.
Was ist wahr?
Viele Menschen, die in Verhandlung miteinander treten, gehen davon aus, dass nur die eigene Wirklichkeit, also die subjektive Sicht, der (wahren) Wirklichkeit entspricht und die Wirklichkeit der Verhandlungspartner unwahr ist. Ja es ist schwer, das nicht Sichtbare zu akzeptieren.
So lautet die ungläubige Reaktion der Parteien, wenn die ersten Zweifel bei der Auseinandersetzung mit anderen Sichten aufkommt. Die Aussage kennt wahrscheinlich jeder Mediator. Die eigene Wahrnehmung suggeriert immer die Vollständigkeit. Folgt man der Auffassung Foucaults, wonach wahr ist, was nicht verschleiert wird oder verborgen bleibt, dann ist die eigene Wahrnehmung immer wahr. Wahr ist aber auch, dass der Streit durch Informationslücken geschürt wird, die sowohl die Phantasie wie die Emotionen beflügeln. Sie gehen über das real Sichtbare hinaus, sodass es auf die Bedeutung ankommt, die der Wahrnehmung zugeschrieben wird. Wann ist eine Lüge eine Lüge und wer entscheidet überhaupt darüber, was wahr ist und was nicht? Fest steht lediglich, dass der Mediator dazu nicht berufen ist. Die Parteien haben keine andere Wahl, als sich selbst darüber zu verständigen. Der Mediator hilft ihnen dabei.
Die Bedeutungswirklichkeit
Um den Parteien eine Hilfestellung zu geben, muss der Mediator die feststehende reale Wirklichkeit der 1. Ordnung von der Bedeutungswirklichkeit unterscheiden. Es ist keinesfalls seine Aufgabe darüber zu entscheiden, was wahr ist oder nicht. Wohl mag er hinterfragen, wozu es wichtig ist, die Wahrheit zu kennen. Wenn er das Motiv kennt, kommt es auf die Wahrheit möglicherweise gar nicht mehr an. Dann besteht die Aufgabe des Mediators darin, die unterschiedlichen Sichtern herauszustellen, das Feststehende vom Nichtfeststehenden zu differenzieren, um dann, in einem weiteren Schritt, eine gemeinsame Sicht auf die Realität zu finden oder zu ermöglichen, aus der dann die Wahrheit entsteht. Konstruktivistisch gesprochen geht es darum, ein gemeinsames Konstrukt der Realität herzustellen.
Diese Herangehensweise ist ein wesentlicher Aspekt der Verstehensvermittlung. Er verhindert, dass die Partei den Konflikt aus nur einer als real empfundenen Sicht sieht, sodass sie die jeweils andere Partei von ihrem Standpunkt als dem einzig wahren zu überzeugen versucht. Ein solcher Versuch wird stets misslingen, solange die andere Partei ihre Sicht als die einzig wahre versteht.
Leitsatz 5245 - Was ich wahrnehme ist nicht das, was Du wahrnimmst. Auch was wir beide zusammen wahrnehmen hat wenig damit zu tun, was wirklich ist! Es ist nicht die Aufgabe des Mediators darüber zu entscheiden was wahr ist oder nicht. Seine Aufgabe besteht darin, die unterschiedlichen Sichten herauszustellen, um dann, in einem zweiten Schritt, eine gemeinsame Sicht auf das, was beide Parteien als die Realität anerkennen können, zu finden oder zu ermöglichen.
Ein Streit über die Fakten lohnt sich nicht, weil die Fakten nachweisbar sind. Ein Streit über die Bedeutungswirklichkeit lohnt sich aber genauso wenig, weil es sich letztlich um Einschätzungen, Interpretationen oder Bewertungen, also um Meinungen handelt.
Die Bedeutung von Fakten, Meinungen und Emotionen
Konflikte lassen sich nicht durch Argumente oder durch das Überzeugenwollen der anderen Person von der Wahrheit des eigenen Konstrukts lösen, sondern nur durch das Verstehenwollen des Konstrukts der anderen Person. Unterstellen Sie also Behauptungen einer Partei über die Bedeutungswirklichkeit einfach immer als wahr. Das spart Zeit und Kraft. Die Mediation unterstützt Sie in diesem Prozess. Ihr kommt es, anders als im juristischen Denken, nicht darauf an, die Richtigkeit eines Konstruktes zu begründen. Sie stellt die Konstrukte einfach nebeneinander, weil es sich nur so herausfinden lässt, wo es Übereinstimmungen gibt und zu Abweichungen kommt.
Die Bedeutungsrelevanz
Die Wahrheit ist ein wesentlicher Bestandteil der Verständigung, des Verstehens und der Erkenntnis. Wenn wir uns verschiedene Realitäten vorstellen, ist es schwer, sich zu einigen. Wenn wir von falschen Annahmen ausgehen, ist es schwer, passende Lösungen zu finden. Wenn die Wahrheit als erlebte Wirklichkeit von den Bedeutungszuschreibungen abhängt, ist es wichtig, die Bedeutung zu klären und eine einheitliche Sicht darauf zu finden, bevor weiter verhandelt wird.
- Bedeutungsklärung
- Es ist (nicht nur in der Mediation) außerordentlich wichtig, den Bedeutungen auf den Grund zu gehen. Wir neigen dazu, Bedeutungen zu verschleiern. Beim Framing zum Beispiel werden andere Worte benutzt, um die wahre Bedeutung des Gesagten mit positiven oder negativen Assoziationen zu verknüpfen. Ein Mediator sollte auf derartige Manipulationen nicht hereinfallen. Schon die Semiotik beweist die Relativität einer Aussage, indem Sie die Übereinstimmung von der Sache (also das was bezeichnet werden soll, das Bezeichnete oder das „Signifikat“) mit dem bezeichnenden Wort (also das Bezeichnende oder das „Signifikant“) und die Position (von der aus diese Übereinstimmung betrachtet wird) hinterfragt.5
- Bedeutungsfestlegung
- Wer entscheidet welche Bedeutung maßgeblich ist, falls es darauf ankommt. In der Mediation werden diese Fragen schwerpunktmäßig in der dritten Phase geklärt. Um der Bedeutung einer Aussage, einer Nichtaussage oder einer nonverbalen Äußerung auf den Grund zu gehen, kann die Technik der Bedeutungserhellung angewendet werden. Sie deckt sich mit der Motiverhellung, weil sich die Bedeutungen letztlich aus den Motiven ableiten. Die herausgearbeiteten Bedeutungen geben Hinweise auf die Vorstellungswelt der Parteien und deren Sicht auf die Wirklichkeit. Zusammen mit der Technik des Dimensionierens, genauer gesagt mit der Unterscheidung von Fakten, Meinungen und Emotionen, lassen sich die valiierbaren Fakten herausstellen, die gegebenenfalls für die Wahrheitsfindung eine Rolle spielen. In der Kommunikation wird die Synchronisation über das Loopen hergestellt, das die Bedeutungserhellung und das Dimensionieren zusammenführt..
Bedeutungserhellung Dimensionieren Loopen
- Der Realitätsverlust
- Wie verhält sich der Konstruktivismus bei einem Realitätsverlust, gibt es das dann überhaupt noch? Von einem Realitätsverlust ist die Rede, wenn der Mensch aufgrund seines geistigen Zustandes nicht mehr in der Lage ist, die Situation, in der er sich befindet, zu begreifen. Die Sicht auf die Wirklichkeit und unsere Vorstellung davon, sind also abhängig von der Fähigkeit, die Situation, in der wir uns befinden, korrekt einzuschätzen. Es kommt darauf an, das eigene Handeln mit der Objektivität der realen Welt und der Denkweise seines Umfeldes in Einklang zu bringen. Ist diese Fähigkeit nicht mehr gegeben, ist eine psychiosche Erkrankung indiziert. Die Mediation kommt an ihre Grenzen.
- Wahrheitsverschränkungen
- Was ist, wenn eine Partei für sich entschieden hat, dass alles, was der Gegner sagt, gelogen ist? In dem Fall spricht man von einer projizierten Unwahrheit. Die projizierte Unwahrheit beschreibt einen Wahrnehmungs- und Interpretationsmechanismus, bei dem eine Person ihre eigene Überzeugung, dass der andere lügt, manipuliert oder unehrlich ist, als objektive Wirklichkeit ausgibt — lange bevor eine tatsächliche Aussage überprüft werden könnte. Es handelt sich dabei um eine subjektive Konstruktion von Wirklichkeit, die dem Gegenüber eine Unwahrheit unterstellt, unabhängig davon, was dieser tatsächlich denkt, meint oder tut. Die Konstruktion bewirkt eine Verschränkung von Wirklichkeiten, die für Kommunikation, Vertrauen und Konfliktverläufe hochrelevant ist. Wenn dieses Konstrukt nicht aufgelöst werden kann, ist es kaum möglich, interessengerechte Lösungen zu erarbeiten. Vertrauen kann nicht entstehen. Die Aussagen der anderen Partei werden grundsätzlich entwertet. Verstehen wird verhindert. Die Interessenklärung kommt nicht voran. Lösungen werden als manipulativ interpretiert. Der Konflikt reproduziert sich selbst.
Der Umgang mit der Wahrheit
Wahrheit ist sicher nicht die auf sogenannten alternativen Fakten basierende, verbogene Selbstdarstellung oder die politische Propaganda, die eine Welt aus hochwirksamen Lügen beschreibt. Wie aber ist die Wahrheit einzuschätzen, wenn alle, die diese Unwahrheiten verbreiten, selbst daran glauben und alle, die ihr erlegen sind, vielleicht nur deshalb darauf hereinfallen, weil sie daran glauben möchten? Dieser Gedanke führt zur Informiertheit und der Frage, wie die Mediation mit Informationen umgeht und wer die Deutungshoheit besitzt. Wenn die Wahrheit mit der Deutungshoheit gleichgesetzt wird, wird sie zu einem Mittel der Macht. Denn wer die Deutungshoheit besitzt, kann bestimmen was wahr ist. Die Mediation wirkt einer einseitigen Deutungshoheit entgegen, indem sie darauf besteht, dass die Parteien auf gleicher Augenhöhe verhandeln.
Dieses Youtube-Video ist die Aufzeichnung einer 3Sat-Sendung von und mit dem Autor und Philosophen Gert Scobel, über das Thema Wahrheit aus philosophischer Sicht. Die Ausführungen basieren auf Gedanken des französischen Philosophen Paul-Michel Foucault, der sich u.a. mit dem Verhältnis von Macht und Wissen auseinandersetzte. Der Autor setzt sich mit der Bedeutung der Wahrheit auseinander und wie sie herzustellen ist. Scobel beschreibt die Wahrheit als ein Mittel, die Unwahrheit plausibel zu machen und ins Gegenteil verkehren zu können. Die Wahrheit erfordere nicht nur eine Auseinandersetzung mit der Frage was wahr ist, sondern auch damit, was es bedeutet, sie zu leben. Diese Frage wendet sich dem Menschen zu, der die behauptete Wahrheit für sich in Anspruch nimmt. Wer nicht die Wahrheit selbst, sondern den Umgang mit ihr hinterfragt, stellt einen Bezug zur Haltung des Menschen her, sodass moralische Attributionen möglich werden. Die Wahrheit zu sagen, bekommt eine charakterliche und moralische Dimension, weil sie eine Einschätzung über die Fähigkeit und die Bereitschaft erlaubt, mit ihren Konsequenzen umzugehen und umgehen zu können. Diese Fähigkeit konkurriert mit der Macht der Deutungshoheit. Wahrheit kennt keine Heimlichkeit. Zu viel Verschleierung lenkt den Blick von der Wahrheit ab. Wahrheit erfordert, den Mut zur Vereinfachung und Gradlinigkeit und den Mut, erkennbar zu machen, dass ein vorgegebenes Wissen nicht dem tatsächlichen Wissen entspricht. Ironie und Zynismus sind mögliche aber ebenso gefährliche Herangehensweisen, um die Wahrheit zu verdeutlichen. Sie sind gefährlich, weil sie beim Gegenüber statt einer Erkenntnis, Emotionen wie Wut und Ärger hervorrufen können. Nach Foucault kommt es deshalb entscheidend darauf an, die Wahrheit der Prinzipien nicht nur zu theoretisieren und zu reflektieren, sondern sie auch zu leben.
Wahrheit in der Mediation
Die Wahrheit spielt in der Mediation keine zentrale Rolle. Mediation zielt nicht auf die Klärung objektiver Wahrheit ab, sondern auf die Gestaltung der Zukunft. Da die Zukunft keine feststehende Wahrheit kennt, ist Wahrheit in der Mediation weniger ein Ziel als vielmehr ein Orientierungsrahmen.6
- Konzeptuell zeigt sich: Wahrheit ist ein Fakt der Vergangenheit oder Gegenwart. Für die Mediation ist sie nur insofern relevant, als sie hilft, zukünftige Möglichkeiten zu eröffnen. Statt um Wahrheit zu streiten, geht es darum, Wege zu finden, wie mit ihr umgegangen werden kann – auch dann, wenn sie unbequem ist.
- Prozessual wird deutlich, dass der Versuch, Wahrheit strategisch zu manipulieren, dem mediationslogischen Ansatz widerspricht. Entscheidend für den Verlauf sind nicht „wahre Aussagen“, sondern die dahinterliegenden Interessen und Bedürfnisse.
- Persönlich hat Wahrheit oft eine starke emotionale Bedeutung. Streit um Wahrheit ist häufig ein Streit um Zuschreibungen, Vertrauen und Rechtfertigung. Für Mediator:innen ist es daher wichtig, die Motive hinter der Wahrheitssuche zu erkennen.
- Konflikthaft wirkt Wahrheit paradoxerweise als Irritation: Konflikte verleiten zur Unwahrheit und rufen zugleich nach Wahrheit. Gemeint ist dabei weniger faktische Wahrheit als eine reale Erkenntnis über den Kern des Konflikts.
- Rechtlich kennt das Mediationsgesetz keine explizite Wahrheitspflicht. Dennoch ergibt sich implizit eine Verpflichtung zu korrekter Information und Transparenz, insbesondere für den Mediator und für informierte Entscheidungen der Parteien.
- Für das Verstehen und Entscheiden ist Wahrheit unverzichtbar: Sie dient als Kompass, ermöglicht Orientierung, korrigiert Emotionen und schafft die Grundlage für fundierte Entscheidungen. Wo Wahrheit grundsätzlich infrage gestellt oder projiziert entwertet wird, geraten Verstehen, Interessenklärung und Lösungsfindung ins Stocken.
Wo die Wahrheit in der Mediation - besonders bei dem Versuch sich zu einigen - eine Rolle spielt, geht mehr auf die ethymoligische Bedeutung zurück wo Wahrheut als Verlässlichkeit verstanden wird. Die Aussage in der Mediation: "Du lägst doch sowieso immer" sollte sich deshalb eher darauf einlassen, wie man Vertrauen herstellt als darauf, was tatsächlich gelogen war oder ist und was nicht. Im prozessualen Ablauf der Mediation ist die Wahrheit in folgenden Momenten relavant:
| Phase | Mögliche Lügen über … |
|---|---|
| Phase 1 | Motiv und Bereitschaft zur Teilnahme an der Mediation, Bereitschaft, Lösung zu suchen (Lösungsoffenheit) Kooperationsbereitschaft Parallelprozesse |
| Phase 2 | Themen Konflikte Sachverhalt |
| Phase 3 | Interesse und Motive Bedürfnisse |
| Phase 4 | Fakten, die Bewertungen zugrunde liegen |
| Phase 5 | Verbindlichkeit und Rechtstreue |
In Mediation kommt es nicht nur eine Auseinandersetzung mit der Frage was wahr ist und damit, was es bedeutet, sie zu leben, sondern wie die Wahrheit aussieht, mit der beide leben können. Mediation schaut in die Zukunft.
Bedeutung für die Mediation
Die etwas philosophisch angehauchte Auseinandersetzung mit der Wahrheit hat durchaus eine Bedeutung und Auswirkungen auf die Mediation. Ein Zusammenhang betrifft den Mediator selbst und die Frage, ob er die Prinzipien der mediativen Wahrheit auch tatsächlich selbst lebt. Diese Frage wirkt sich nicht zuletzt auf die Bedeutung der Resonanz in der Mediation aus, wo die Gradlinigkeit des Mediators zum Gleichklang der Parteien beiträgt. Der andere Zusammenhang betrifft die Frage, wie die Wahrheit ans Tageslicht kommt. Ironie und Zynismus stellen sich als untaugliche Mittel heraus, wenn sie den Willen des Gegenübers brechen sollen. Wird die Mediation jedoch als ein geduldiger Gedankengang begriffen, der mit vielen Impulsen dazu beiträgt, dass Erkenntnisse in den Köpfen der Parteien ermöglicht werden, bildet sich Schritt für Schritt auch eine zumindest zwischen den Parteien verstandene Wahrheit heraus.
Die Mediation sollte den Parteien verdeutlichen, dass sie als zwei Wirklichkeiten wahrgenommen werden, die sich im Widerspruch erleben. Der Mediator kann leichter als die Parteien nachvollziehen, dass jede Partei in ihrer Wirklichkeit "recht hat", ohne dass sich die Parteien widersprechen. Bezieht sich der Widerspruch auf Fakten, lässt sich erheben, was wirklich ist. Sie betreffen die Wirklichkeit 1. Grades, weil Fakten messbar und evaluierbar sind. Lediglich die Bedeutungswirklichkeiten können dann noch verbleibende Konstrukte sein, die voneinander abweichen. Der Mediator kann dies den Parteien vermitteln, indem er die Bedeutungen hinterfragt und als Meinung identifiziert. Das präzise Zuhören ist sein Werkzeug. Die unterschiedlichen Konstrukte müssen verstanden werden, um die Parteien zu verstehen. Die Bedeutungszuschreibung erlaubt einen Rückschluss auf die Person und letztlich ihre Persönlichkeit und Bedürfnisse. Hier findet der Mediator wichtige Anhaltspunkte in Phase 3, mit denen sich die Kriterien für eine Lösung ermitteln lassen. Zunächst werden die Konstrukte nur nachvollziehbar gegenübergestellt. Ob sie geklärt werden müssen, um die Wahrheit zu ergründen, ist eine andere Frage. Die Mediation kann diese Frage übergehen, indem sie das Bild von der anzustrebenden heilen Welt erzeugt,7 wo es auf die (zu überwindende) Wirklichkeit gegebenenfalls nicht mehr ankommt. Streitige Fakten, die dann noch entscheidungserheblich sind, werden erst in der 4.Phase geklärt.
Die Mediation stellt zwar nur die Informiertheit als Entscheidungsgrundlage heraus. Wenn die Informiertheit jedoch auch die Motive der Parteien umfasst, ist sie zugleich ein Instrument, um die Wahrheit zu erkennen.
Was tun wenn ...
- Die Partei hat eine einseitige Wahrnehmung
- Die Partei beruft sich auf alternative Fakten
- Die Partei lügt
- Weitere Empfehlungen im Fehlerverzeichnis oder im Interventionenfinder
Aliase: Bedeutungswirklichkeit, Wirklichkeit, Bedeutung
Siehe auch: Konstruktivismus, Lügen
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